Anti-Flag: vegan Hardcore aus Pittsburgh

Guido Barth trifft: Chris#2 von Anti-Flag (2006)

vegan US Hardcore

Anti-Flag, from left: Pat Thetic, Chris#2, Chris Head, Justin Sane.                                                                                                                                             Fotocredit: (c) Uncle M Music / 2010 Cory Morton

Die Idee zu diesem Interview kam mir, als ich nach längerer Zeit Mal wieder von der Straight Edge Bewegung hörte. In den USA, aber auch hier in Deutschland leben viele Punks Straight Edge. Grundsätzlich richtet sich diese Bewegung gegen jegliches Obrigkeitsdenken und jede Form der Unter-drückung, auch die der Tiere und der Umwelt.

Straight Edge sein, das heißt vegan leben, keine Drogen, auch keine legalen, wie Zigaretten und Alkohol und auch keinen flüchtigen Sex ohne Liebe. Es zählt bei den Anhängern weniger das auffällige Äußere, als die innere Einstellung. Inhaltlich spielen Antikapitalismus, Antirassismus und Antisexismus eine große Rolle. Zu einem Konzert in Hannover waren die Jungs von Anti-Flag angereist und ich hatte mich mit Chris#2 (gesprochen Chris Number Two), dem Bassisten nach dem Soundscheck zum Interview verabredet. Chris#2 war im letzten Jahr einer der Favoriten bei der Wahl des „Sexiest Vegetarian“. Von ihm wollte ich etwas zu Anti-Flag’s neuem Album „For Blood and Empire“ erfahren und was die Hardcore-Szene noch für Überraschungen parat hält.

Anti-Flag ist Teil der Straight Edge Bewegung, was sind dafür eure vorrangigsten Gründe?

Respekt vor allem Leben, Solidarität mit Schwächeren und Unabhängigkeit von der Gesellschaft, z.B. alle Anti-Flag Mitglieder sind schon lange 19 Jahre alt und das bleiben wir auch. Wir finden es nicht okay, dass junge Menschen grundsätzlich die Dümmeren sein sollen und sich überall anpassen müssen. Wir bleiben also aus Solidarität jung. Wir leben vegetarisch oder vegan, das hat erst einmal ethische Gründe, aber genauso ist es für uns ein Mittel, mit dem wir uns dem Konsumterror entziehen. Ich kann auch gar nicht verstehen, warum sich so viele Menschen vorschreiben lassen, was sie essen sollen, welche Klamotten sie tragen sollen und was sie denken sollen. Aber wenn du den Fernseher anschaltest bekommst du genau das gesagt. Kaufe die Jeans, gehe in den Fast-Food Laden, trinke das und das. Die lassen sich alle entmündigen. Das ist eben auch ein Teil unserer Arbeit, wir wollen bei dem ganzen Mist einen positiven Wandel anregen.

Welchen Anspruch habt ihr an eure Musik?

Musik ist in gewisser Weise ein sicherer Weg die politische Botschaft zu verbreiten. Vielen Menschen fehlt eine Plattform, ein Forum, das bieten wir an. Wir wollen nicht in irgendwelche Geschichtsbücher eingehen, als die Band, die eine Bewegung in Gang gesetzt hat, wir wollen, dass die Leute erfahren, was wirklich läuft und wir wollen selbst Teil der Bewegung sein. Die Straight Edge Bewegung hat ihren Ursprung ja auch schon vor 25 Jahren mit den Minor Threat und den Bad Brains.

Eure bekanntesten Hits sind: „Die For Your Government”, “Terror State”, “Turncoat” (Bush), da geht es hauptsächlich um Krieg, um welche Themen geht es in eurem neuen Album, „For Blood and Empire“ (März 2006)?

Es geht auch da um Krieg, speziell den Krieg im Irak, es geht in diesem Zusammenhang auch um die USA als letzte Supermacht und ihr Projekt für das 21. Jahrhundert (siehe Kasten unten). Außerdem setzen wir uns mit dem Problem Globalisierung, der World Trade Organisation auseinander und vor allem auch mit Gentechnik. Unternehmen wie Monsanto und Syngenta haben schon viele Bauern ruiniert und in den Selbsmord getrieben und sie zerstören die Natur. Besonders beschäftigt haben uns auch die Völkermorde in Ruanda und aktuell in Darfur.

Insgesamt ist diese CD richtig melodisch geworden, gar nicht mehr so rasend schnell und aggressiv, warum?

Ganz stimmt das nicht, aber wir haben tatsächlich bei einigen Liedern weniger Tempo als sonst, vielleicht wirkt das deswegen schon melodischer. Stört dich das?

Nein, im Gegenteil, ich vertrage das auch Mal ein bisschen ruhiger.
Was ist denn mit euren Merchandise Produkten, neben CDs, Plakaten und Buttons ist auch Kleidung dabei, sind die Sweatshop-Free produziert?

Na hör Mal, sicher!

straight edge means vegan, too.

Long time Hardcore from Pittsburgh.                                                                                       Fotocredit: (c) Uncle M Music

Warum sicher?

Ganz einfach, wir schauen doch auch, wie wir unsere Denkweise mehr und mehr auch praktisch umsetzen können und da liegt es doch nahe, dass wir uns auch für Menschen- und Arbeitsrechte einsetzen.

Ihr habt euch viel gegen die Wiederwahl von George Bush engagiert,
was hast du gedacht, als George Bush dann doch wiedergewählt wurde?

Ich habe mich geschämt und wollte mich am liebsten verstecken. Wir hatten hart gearbeitet, dass genau das nicht passiert. Die ganze Welt hat dann auf uns geschaut und was passiert: Der größte Terrorist auf dieser Welt wird wiedergewählt. Wir waren alle schockiert. Im ersten Moment schien unser ganzes Engagement für die Katz gewesen zu sein. Aber das Ganze hat auch etwas Positives, niemals zuvor haben sich so viele Menschen politisch engagiert und an Veranstaltungen teilgenommen. Meine Einschätzung ist, dass eine ganz neue Generation mündiger Menschen entstanden ist. Außerdem bin ich der Meinung, dass John Kerry auch nicht gerade der ideale Präsident gewesen wäre. Die Programme, wie auch die Menschen sind doch sehr ähnlich.

Wie wäre es denn mit Dennis Kucinich, dem vegan lebenden und ziemlich erfolgreichen etwas „anderen“ Präsidentschaftskandidaten?

Hey, ja, der hätte unsere Stimme bekommen. Er war vor 30 Jahren jüngster Bürgermeister von Cleveland und hat schon damals Public Private Partnerships (PPP) mit Energieversorgern abgelehnt. Der Mann ist seiner Zeit voraus. „Die Stadtwerke bleiben bei der Stadt“, hat er gesagt. Die Menschen sind noch heute dankbar dafür. Die Energiepreise sind moderat und die Versorgungsnetze in gutem Zustand. Wir haben ihn ein paar Mal getroffen und er hat uns wirklich beeindruckt.

Unterstützt ihr neben PETA noch andere Organisationen?

Ja, Amnesty International, Military Free Zone und Fair.org.

Military Free Zone, was ist das?

Die US Army bekommt automatisch die Daten der Schüler von den High Schools und wir befürchten, dass neben allgemeinen Daten heimlich auch Noten und Beurteilungen weitergeleitet werden. Die Anwerber der Army gehen dann ganz gezielt auf schlechte Schüler zu unter dem Motto „Du hast doch überhaupt keine Zukunft, komm zur Army, wir bieten dir eine. Wir haben schon viele Unterschriften gesammelt und hoffen, dass wir noch in diesem Jahr über den Kongress gegen die Datenweitergabe ein Gesetz auf den Weg bringen können.

Chris#2 zum US-Projekt für das 21. Jahrhundert:

Die USA ist im Moment die einzige Supermacht und sie setzt ihre Macht ganz gezielt dafür ein, die Weltenergieressourcen unter ihre Kontrolle zu bringen. Dazu gibt es schon seit Jahren geheime Dokumente – das Projekt für das 21. Jahrhundert (eine Doktrin), die genau beschreiben, wie dieses Ziel Schritt für Schritt erreicht werden kann. Das was darin steht, dass ist der Grund für den Einmarsch in Afghanistan, den Krieg im Irak und dazu gehört auch die Kontrolle über den gesamten Mittleren Osten.

 

Und was ist FAIR.org?

Dabei geht es um Medien und Journalisten, die eine „faire“ Informationspolitik betreiben. Die unterstützen wir. Alles andere ist doch völlig verfilzt. Die meisten Medien werden von schwerreichen Leuten beherrscht. Allein der Begriff “beherrscht” sagt doch schon alles.

In den USA werden Organisationen, wie Animal Liberation und Earth Liberation vom CIA als terroristisch eingestuft und überwacht. Wie ist das mit euch, mit Anti-Flag, seit ihr so etwas wie „Verbal-Terroristen“?

Das mit den Organisationen stimmt. Ob der CIA uns auch so einschätzt, glaub ich nicht, aber dennoch denke ich manchmal, die wissen sicher wo wir stehen. Wenn du Anti-Flag bei denen in den Rechner eingibst (lacht), erscheint mit Sicherheit nur ein Zeichen: The Red Flag.

Chris, danke Für Deine Zeit.

Anti Flag Album from 2012:

The General Strike (SideOneDummy Records)
AF-The-General-Strike-Cover

©Guido Barth
Fotos, Covers and Logos from: Uncle M Music


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