Bei Barbara Rütting im Bayrischen Landtag

Guido Barth trifft: Barbara Rütting (2008)

Barbara Rütting, vegan und fit

Barbara Rütting                                                                                               Copyright: Norbert Hellinger

Dass vegetarisch lecker schmeckt, hat uns Barbara Rütting mit ihren vielen
Kochbüchern gezeigt. Dass das wichtige Thema Tierrechte immer populärer
diskutiert wird, dazu hat sie auch beigetragen – und macht es noch.

„Okay, ich tue so, als ob ich schön bin“. Barbara Rütting war tags zuvor beim Friseur gewesen und meint, der habe definitiv zu viel abgeschnitten. Dabei sieht sie wirklich wunderbar aus und nach einem prüfenden Blick auf mich, lässt sie zumindest meinen Einspruch gelten. Wir sitzen in einem Besprechungsraum im Bayrischen Landtag in München und wollen über sie und ihre politische Arbeit reden. Interviews mit erfolgreichen Menschen sind mitunter überraschend entspannt und es gibt bei allem Ernst doch immer auch etwas zu lachen. Auf dem Tisch stehen Macadamia-Nüsse und Schokoladenstücke – ohne Zucker und aus fairem Handel, betont Barbara und fragt: „Möchte jemand einen Rosé?“ Die Fotografin winkt gleich ab und ich sage: Danke, nein. Es ist elf Uhr vormittags!

„ Die Fotografin gestern hat begeistert ja gesagt“, meint Barbara vergnügt und schenkt sich selbst ein Glas ein. Warum auch nicht, nur bin ich als vegan lebender Sportler gerade in einer anderen Phase. Wasser, bitte.

Leberkäs gegen Rüttings vegetarisch

„Seit ich im Landtag bin, steht im Restaurant täglich ein vegetarisches Vollwertgericht auf der Speisenkarte– oft sogar bio. Es schmeckt so gut, dass die Küchenchefin begeistert meinte: Ja Frau Rütting, das essen ja sogar die Herren von der CSU! “Gestern gab es köstliche Dinkelpfannkuchen mit Gorgonzolasauce, zur Fastenzeit serviert die Küche eine wunderbare vegetarische Fastensuppe. Allerdings heißt es manchmal auch hämisch: An der Leberkästheke war doch mehr los.

Macho-Männer modern?

Barbara Rütting ist Sprecherin der Grünen für Ernährung, Verbraucher- und Tierschutz. Als Älteste und deshalb so genannte Alterspräsidentin hatte sie bei Beginn der Legislaturperiode den Landtag zu eröffnen. „Bei Tierschutzthemen gibt es da schon Mal Zwischenrufe besonderer Art: „Gaak-gaak-ga-ga-gaak oder ki-ki-ri-kiii“- immer von Männern. Sie wollen sich auf das Thema ungern einlassen – vermutlich aus Unsicherheit und Selbstschutz“.

Generell würden in den großen Parteien die Themen Tierschutz und Tierrechte eher stiefmütterlich behandelt. Häufig würden ihre Anträge (z.B. Einfuhrverbot von Hunde- und Katzenfellen) in den Ausschüssen abgelehnt – von den 180 Abgeordneten sind nur 15 Grüne. Dabei sei gerade das Thema Tierrechte doch auch wichtig für die ganze Gesellschaft – „Tierschutz ist Menschenschutz!“ Dafür geht Barbara nach wie vor auf die Barrikaden. (Zitat Barbara Rütting: Wo Unrecht Recht ist, wird Widerstand zur Pflicht). Einmal habe im Plenum bei ihrer Rede zur Käfighaltung eine derartige Unruhe geherrscht, dass sie ihre Rede unterbrach: „Ich warte, bis Sie zuhören“. Es wurde tatsächlich mucksmäuschenstill. Die Küchenchefin war hingerissen – so etwas habe es noch nie gegeben.

Freunde für den Frieden

Aus der Partei der Grünen, für die sie in den Landtag gewählt worden ist, war sie bereits einmal ausgetreten, nämlich, als die Partei dem Bundeswehreinsatz im Kosovo zugestimmt hatte. „ Ich komme ja aus der Friedensbewegung, habe an vielen Aktionen mit Petra Kelly und Gerd Bastian teilgenommen.“ Um Renate Künast bei ihren Bemühungen für Verbraucher- und Tierschutz zu unterstützen sei sie wieder bei den Grünen eingetreten, da sie diese Inhalte in dieser Partei am besten aufgehoben sah, und nur deshalb habe sie auch kandidiert – eigentlich in der Hoffnung, nicht gewählt zu werden. Aber am Morgen nach der Wahl rief ein Freund an: „ Gratuliere, du bist drin!“ Sie: „ Wo drin?“ Er: „Na, im Landtag!“.

Rennpferd gegen Schnecke

Die ersten Monate waren sehr hart, „ich war ja eine absolute Quereinsteigerin, musste mich in alles einarbeiten, die unverständliche Gesetzessprache, die Prozeduren von Anfragen und Anträgen, dann die endlosen Debatten im Plenum.“ Allein die U-Bahnfahrten seien ein Problem gewesen. „ Ostbahnhof Richtung Landtag und zurück kann ich inzwischen!“ Ihre Gesundheit habe da schon gelitten, auch auf Grund des ständigen Schlafdefizits. „Jetzt geht es einigermaßen, aber stressig ist und bleibt es. Das Schlimmste ist die dauernde Hetze, die unregelmäßige Lebensweise. Im Landtag komme ich mir vor wie ein Rennpferd – zuhause versuche ich dann, von diesem Tempo herunter zu kommen, sozusagen auf das Tempo einer Schnecke, bemühe ich mich, zu ´ent – schleunigen’. Streichle erst einmal Hunde und Katerchen und ‚entschleunige’ dann nach Osho, also mit Meditation, Kerzen und Musik; ein Glas Wein und dann – Loslassen. “

Unverbindliche Versprechen

Rütting vegan

Barbara Rütting: Politikerin, Aktivistin, Autorin, vegan               Copyright: Norbert Hellinger

Abgeordnete bekommen ein 1. Klasse Bahnticket für Bayern. Barbara Rütting nutzt das so gut wie täglich, hält Vorträge über gesunde Ernährung auf Messen, Kongressen, in Altenheimen, Kindergärten, Schulen, bäckt bei Kampagnen gegen Gentechnik auf der Straße Vollkornwaffeln, nebenbei ist sie auch noch Gefängnisbeirätin und Mitglied im Landesgesundheitsrat. Ihr Aktionsradius kennt aber kaum Grenzen. Sie beteiligt sich an bundesweiten Aktionen, fährt immer wieder nach Bulgarien, wo sie ein Projekt „Tiere helfen Menschen helfen“ unterstützt. „Der Kanzlerin Merkel habe ich mal als Protest gegen die Käfighaltung einen Container mit in der Legebatterie verreckten Hühnern vor die CDU-Zentrale gekippt.“ Als Frau Merkel heraus kam, habe Barbara ihr eins dieser Hühner hingehalten und gefragt, ob sie sich noch erinnere, was sie damals als Umweltministerin versprochen habe. „Sie ist wortlos in ihre Limousine gestiegen und weg war sie.“

Tierschutz ist kein Zugpferd

Gesunde Ernährung ist „in“, der Schutz der Tiere nicht annähernd. (Indiz für den Zustand unserer Gesellschaft, Anm. der .Red.). „Wenn ich eine Veranstaltung zum Thema Tierschutz ankündige, kommt kaum jemand, locke ich aber mit dem Titel “Essen Sie sich fit und gesund“ ist die Neugier groß. Eine Veranstaltung mit Renate Künast zog immerhin 450 Besucher an, die mit köstlichen Bio – Leckereien verwöhnt wurden. Das sind so die Glanzlichter im Landtagsalltag.“

Die Angst der Funktionäre

Ihre Popularität sei schon hilfreich, etwa, wenn sie in Brüssel im Büro des Erweiterungskommissars anruft und sich meldet „ Bayerischer Landtag Barbara Rütting“. Im Mai habe sie mit einem Geflügelzüchter in Bad Waldsee und über 500 Sympathisanten gegen die Aufstallungspflicht demonstrieren wollen. 7000 Hühner sollten wieder auf die Wiese „freigelassen“ werden. „Es hatten sich schon viele Journalisten angekündigt, die Aktion versprach ein enormes Medienecho“. Einen Tag vor der Demo verkündeten die Behörden dann eine Ausnahmegenehmigung für die Region. Die Hühner durften also ganz legal nach draußen. Für die Medien war die Aktion damit leider nichts Besonderes mehr – aber die Ausnahmeregelung gilt zum Glück heute noch. „Man sieht wieder einmal, Widerstand lohnt sich doch. Ich wünsche mir mehr mutige aufmüpfige BürgerInnen!“.

Da kommt noch was

Nach einer Legislaturperiode wollte sie erst auf keinen Fall noch einmal kandidieren, sondern sich weiter außerparlamentarisch engagieren. Und dann gibt es ja nach wie vor die Idee, sich einer Lebensgemeinschaft anzuschließen – Menschen verschiedener Generationen, jung und alt gemischt, selbstverständlich alles VegetarierInnen, und selbstverständlich mit Tieren. „Ich bin letztes Jahr 80 geworden, da wird es höchste Zeit. Außerdem will ich endlich Klavierstunden nehmen, das will ich schon seit meiner Kindheit, aber es kam immer etwas dazwischen, zuerst der Krieg, nun der Landtag“, sagt sie lachend. Vor einiger Zeit ist sie in die Gesellschaft für Humanes Sterben eingetreten. „ Die Möglichkeit, das Leben selbst zu beenden ist doch die einzige Freiheit, die der Mensch überhaupt hat! Für mich Hilfe und Trost, es mit Gelassenheit zu ertragen!“. Ein wunderbares pralles Leben lebt sie, findet sie selbst, das hat sie von Osho gelernt: Alles total leben, die Freuden, den Schmerz. Und dann – ebenfalls ein Motto von Osho – „ gehen, ohne sich noch einmal umzusehen“.

 

©Guido Barth
Fotocredits: (c) Norbert Hellinger

 

Buchtipp 2013:

Barbara Rütting
vegan & vollwertig
161 Seiten, Nymphenburger-Verlag
ISBN 9783485014304


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