Buchbesprechung: Dr. Steven Best, „Totale Befreiung – Eine Revolution für das 21. Jahrhundert“

 

Go vegan!

Radikal aufklärerische Ansichten von Dr. Steven Best.                                                                                             Cover: (c) Roland Straller

Gute Bücher hinterlassen Spuren – das ist es doch auch, was man von einem Buch erwartet. In diesem Sinn ist „Totale Befreiung“ mit dem Untertitel „Eine Revolution für das 21. Jahrhundert“ von Dr. Steven Best ein sehr gutes Buch. Steven Best ist Professor an der University of Texas in El Paso. Er ist Philosoph und Aktivist. Seine Auseinandersetzungen mit kulturellen Werten, sozialen Systemen und der Ausbeutung von Tier und Natur ermöglichen tiefe Einsichten in unsere immer noch von: „Hierarchie“, „Herrschaft“ (Anthropozentris-mus) und „nichtnachhaltiger gesellschaftlicher Daseinsformen“ geprägte Gegenwart. So denken wir, so handeln wir – aller schönen Rhetorik über: Freiheit, Demokratie, Gerechtigkeit, Ökologie und Frieden zum Trotz.

Im Egoismus verwurzelte Institutionen

Für Best nimmt die vegane Lebensweise einen zentralen Platz in einer befreiten Welt ein. Dass in so vielen Organisationen und Parteien, die sich mit der Ökologie unseres Planeten und mit einer gerechteren Gesellschaft (die Linken) befassen, der Veganismus immer noch eine untergeordnete Rolle spielt und intellektuell dessen Bedeutung noch nicht erfasst wurde, zeige das Versagen dieser „Institutionen“ und sei nichts weiter als der schon immer fest im System verwurzelte Egoismus.

(So wird bei der Ökopartei Die Grünen selbst der Begriff „vegetarisch“ in öffentlichen Verlautbarungen tunlichst vermieden, seit sie sich vor geraumer Zeit mit der Forderung nach einem Veggie-Tag ins gesellschaftliche Aus katapultiert haben. Bei angeblich acht Millionen vegetarisch lebenden Menschen in Deutschland. Ein Kniefall. Anm. der Redaktion)

Standpunkt der Tiere

Dr. Best widmet sich zuerst dem Standpunkt der Tiere. Das ist sehr klug, denn das hilft alte (anthropozentrische) Denkmuster aufzubrechen und das ermöglicht erst neue Perspektiven. Denn, da brauchen wir uns nichts vormachen, wir sind alle von diesen Denkmustern geprägt. Das Konstrukt des „Standpunktes der Tiere“ und darauf verweist Best auch, wurde schon von Dr. Charles Patterson in seinem lesenswerten Buch „Eternal Treblinka“ erfolgreich angewendet.

Der weiße Mann

Es folgt eine historische Betrachtung der Auswirkungen von: Kolonialismus, Sklaverei, Ausrottungskriege gegen Schwarze, Kapitalismus, Abolitionismus, neuer Abolitionismus => Tierbefreiung. Nachgezeichnet wird der Weg des weißen Mannes nach Afrika, die Kriege, das Zusammentreiben der schwarzen Bevölkerung, die Verschiffung („eingepfercht ins Unterdeck“) nach Amerika und die dortige Ausbeutung. Erste Tierbefreiungen des „neuen Abolitionismus“ werden datiert. Dieses Kapitel endet mit einem Abschnitt, der den Titel „Vom Pseudo-Abolitionismus zu radikaler Befreiung“ trägt.

So essentiell für Best die vegane Lebensführung ist, gilt sie ihm alleine bei weitem nicht als ausreichend. Für ihn gehören „direkte Aktionen“ unbedingt dazu. Auch militant. Reflexartig mag man nun gleich „dicht“ machen. Das wäre schade, denn für eine – zumindest philosophische – Betrachtung und Auseinandersetzung bietet der Autor hier wirklich Substanz.

Direkte Aktionen

Man ist schon verblüfft, wie offen Best über diese militanten, direkten Aktionen spricht. (Was ihm ein Einreiseverbot in England eingebracht hat). Das Kapitel dazu heißt „Lähmung durch Pazifismus“. Pazifismus? Best versteht unter diesem Begriff etwas anderes, als es gemeinhin der Fall ist. „Eine treffendere Bezeichnung ist gewaltloser Widerstand oder gewaltloser ziviler Ungehorsam, denn der Pazifismus ist in Wirklichkeit das dynamische, aktive und durchsetzungsstarke Gegenstück zu Gewalt, Unterdrückung und Ungerechtigkeit“ (S. 73/74). Hier wird es brisant. Wie sollen denn Widerstand und Ungehorsam aussehen? Für Best sind die Menschen in einem „totalen Krieg gegen die Tiere“. Der direkte Einsatz von Kriegswaffen – und damit Gewalt gegen Tiere und auch andere Menschen ist alltägliches Geschäft: z.B. Wilderer in Afrika (Elfenbein-Mafia), Fischerei, Vertreibung von Menschen für Monokulturen (z.B. in Brasilien), etc..

„Kriegsmaschinerie“

Die Massentierhaltung ist der maximal industrialisierte Zweig dieser „Kriegsmaschinerie“. Wie könne man glauben, dass sich dieses auf Ausbeutung, Profit und Zerstörung ausgerichtete System von selbst ändern würde, so der Tenor von Best. Die Durchsetzung dieser Ziele würde an vielen Orten mit tödlicher Gewalt durchgesetzt. Es sei absurd zu glauben, dass sich das bei weiter verknappenden Ressourcen ändern könnte. Der Autor: „Ich spreche mich nicht für Gewaltlosigkeit aus oder verherrliche Gewalt, sondern befürworte, das anzuwenden, was bei der Verteidigung von Tieren und Natur am meisten Erfolg verspricht. Ich befürworte die gesamte Bandbreite militanter Taktiken (Gewalt in gutem Glauben eingeschlossen) als legitime und notwendige Reaktionen in einem totalen Krieg.“ Diesem – zugegeben – schwierigen Kapitel ist ein Zitat von Nelson Mandela vorangestellt, der seinerzeit selbst die friedlichen Methoden zur Erreichung der Freiheit gegenüber dem brutalen südafrikanischen Regime angezweifelt hatte.

Die Linken

Best sieht die vegane Tierbefreiung als die dynamischste Bewegung der letzten Jahrzehnte. Besonders den Linken wirft er vor, dass sie sich nicht ausreichend mit dieser Bewegung auseinandersetzt. Dass mag der Grund dafür sein, warum es den Tierbefreiern noch an Stoßkraft, gesellschaftlicher Akzeptanz und Unterstützung fehlt. Dafür jedenfalls sieht Best einen Beleg in der Tatsache, dass sie „innerhalb eines globalen Systems von Ausbeutung, Kommerzialisierung und Herrschaft mühelos in Schach gehalten werden können“ (S. 113).

Der Autor betont vehement, dass die „Bedeutung der moralischen Botschaft in der Bewegung für die Tiere“ überhaupt erst einmal von den Linken und allen anderen gesellschaftlichen Gruppen verstanden werden müsse. Dass das bisher nicht der Fall sei, zeigten u.a. wiederum die Linken („bürokratische Herrschaft unter neuem Namen“) selbst. Sie seien, so Best: „Vom Standpunkt der Tiere aus betrachtet, […] eine rückschrittliche und reaktionäre Kraft“.

Darwin subversiv

Unter der Überschrift „Berücksichtigung der Tiere: Kognitive Ethologie und der veraltete linke Humanismus“ geht es um die menschliche Identität und darum, was es bedeutet Mensch zu sein. Es geht um die Folgen, die sich bisher daraus ergeben haben und dass es bis heute nicht gelungen ist, ein „adäquates Verständnis der Menschenspezies zu entwickeln“. Das ist interessant und bildet neue kritische Standpunkte gegenüber gängigen Deutungen aus Religionen, Philosophien u.a.. Etwa, wie Darwins („subversive“) Konzepte missbraucht und verzerrt worden sind, damit, oft im Namen der Wissenschaft, „eigene Pläne“ (opportun) weiterverfolgt werden konnten und nicht ihren Sinn verloren haben, bzw. deren Unsinn augenscheinlich geworden wäre.

Nach Best braucht es für unsere Zukunft (ethisch, ökologisch, nachhaltig) auf diesem Planeten eine vegane Tierbefreiung – die ihre Ziele auch durchsetzt. Dass eine solche Zukunft vielleicht einmal möglich wird, dazu kann dieses Buch wichtige Spuren ziehen – wenn es denn gelesen wird.

Ein Blick in Dr. Steven Bests Biografie zeigt, dass er sich über Jahrzehnte intensiv philosophisch-wissenschaftlich mit diesen Themen auseinandergesetzt hat. Das hat ihm zu bescheidener Popularität verholfen.

Guido Barth


Sechs Kapitel auf 224 Seiten

Ins Deutsche übersetzt von Matthias Alexander
Buchcover von Roland Straller

„Totale Befreiung – eine Revolution für das 21. Jahrhundert“
Dr. Steven Best
Echo Verlag Göttingen
1. Auflage 2014
Taschenbuch
19,90 Euro

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