Du sagst, Du bist vegan: und deine Medikamente?

 

Medikamente BeitragVegan leben – so heißt es, sei heute überhaupt kein Problem mehr. Viele Produkte sind entsprechend gekennzeichnet und man gilt auch nicht mehr überall gleich als spinnerter Exot. Aber auch strikt lebende VeganerInnen landen, wenn auch seltener, doch Mal bei Frau Doktor oder bei Herrn Doktor in der Praxisstube – und sei es wegen eines kleinen Sport-Unfalls. Da gibt es, wenn man schon Mal da ist, oft ein Rezept für ein Medikament. Und, ist dieses vegan?

Wie ist das z.B. beim Impfen? Du liegst im Krankenhausflur auf der Bahre, die Krankenschwester schaut sich Dein tiefen Ratscher in der Wade an und blickt Dir tief in die Augen. Wie sieht es denn mit der letzen Tetanus-Impfung aus?, fragt sie. Du weißt es natürlich wieder nicht genau, wann die letzte war. Nun, (sie wird schon geschäftig) da frischen wir die wohl am besten als erstes Mal auf, sagt sie entschlossen. Ist die denn vegan? fragst du zurück. Ist die was? Vegan? Das wisse sie überhaupt nicht und sie fühlt sich bei dem Thema auch sichtlich überfordert. Sie nimmt es persönlich. Müsse das denn sein? fragst Du weiter. Die Krankenschwester nickt. Was würde denn sonst passieren? interessierst du dich. So genau wisse sie das auch nicht, aber auf jeden Fall könnte das ganz schlimm werden, antwortet sie. Sie würde die Impfung unbedingt empfehlen. Und nun, was machst Du? Die Krankenschwester setzt die Spritze an und drückt dir die zähe Masse schmerzhaft in den Hintern. Ich denke, die meisten von euch würden sich den Pickser geben lassen.

Spritze mit B12

Oder wie ist es bei diagnostiziertem akutem B12 Mangel. Der Arzt: Das sieht nicht gut aus und murmelt etwas mit 70 oder so. Gut wäre es gewesen, wenn er irgendetwas von mindesten 160 gesagt hätte. Ich gebe ihnen gleich Mal eine Spritze. Er weiß, dass der Patient vegan lebt. Dieser fragt, wissend, das B12 in enger Verbindung zu tierlichen Produkten steht, woraus denn das B12 in der Spritze gewonnen worden ist? Antwort: das wollen sie gar nicht wissen. Stimmt und stimmt auch nicht. Kommt halt auf die Perspektive an. Im äußersten Notfall will man das wohl gar nicht mehr wissen. Jedenfalls nicht im Moment.

Veggie freundliche Praxen

Die allermeisten Medikamente sind einfach nicht vegan. Tierversuche sind ja sowieso der Standard und meistens sind zumindest einige der Inhaltsstoffe tierlichen Ursprungs. Kapseln sind mit Gelatine hergestellt, Überzüge auf Tabletten enthalten Laktose oder wer weiß was (ihr kennt das ja auch von Kondomen, die meisten sind nicht vegan. Deswegen schaut nach Glyde.) Es gibt da auch keine Standard-Lösung. Jeder Arzt, jede Ärztin reagiert anders. Jede Krankheit oder Verletzung ruft nach anderen Medikamenten. Tipp: der VEBU pflegt ein Verzeichnis Veggie freundlicher Praxen. Da gehst du schon mit einem ganz anderen Gefühl hin, wenn du weißt, dass deine ethische Einstellung nicht als Hindernis wahrgenommen wird.

Die vegane Reiseapotheke

Zu Hause spielt sich das alles mit der Zeit ein. Wo du einkaufst, wo du essen gehst, mit wem du zusammen kochst und vielleicht auch schon, in welche Arztpraxen du gehst. Wie ist das aber, wenn du unterwegs bist? Da dürfte im Ernstfall die nächstgelegene Praxis die richtige sein. Wollen wir hoffen, dass immer alles gut geht. Bester Tipp: für Kleinigkeiten immer gut vorbereitet sein und vegane Sachen dabei haben. Ausgezeichnet beraten seid ihr mit der feinen veganen Reiseapotheke, wie sie auf „Deutschland is(s)t vegan“ vorgeschlagen wird.

Naturmedizin vegan?

Übrigens sind auch die Inhaltsstoffe, die in der Naturmedizin (Homöopathie) verwendet werden, in den meisten Fällen irgendwann einmal an Tieren getestet worden. Im einzelnen läßt sich das nicht spontan sagen, welche Produkte vegan sind und welche nicht. Auch sind Inhaltsstoffe in Medikamenten der Naturmedizin häufig tierlichen Ursprungs. Sicher dürfte es einfacher sein, bei homöopathischen Medikamenten mit einer Produktanfrage weiterzukommen, als bei Anfragen in der riesigen Pharma-Industrie. Erschwerend: die vielen lateinischen Bezeichnungen der Inhaltsstoffe lassen meistens auch gar keinen Schluss zu, ob ein Inhaltsstoff tierlich ist. Warnung: es reicht eigentlich nicht, wenn man einen Produkzenten fragt, ob in einem Produkt tierliche Inhaltsstoffe enthalten sind. Du musst auch fragen, ob bestimmte Ausgangsstoffe vom Tier stammen könnten. Für die eine oder andere Chemikerin hat eine Inhaltsstoff dessen Ausgangsprodukt vom Tier kommt, wo aber komplett alle Moleküle umstrukturiert worden sind, nichts mehr mit einem tierlichen Inhaltsstoff zu tun.
Wie gehe ich aber jetzt als vegan lebender Mensch damit um? Verzichte ich gleich komplett auf den Arztbesuch und die medizinische Versorgung? Wohl kaum. Einen Meinungsartikel dazu könnt ihr auf „vegan.eu“ lesen.

Boykott

Dr. med. vet. Corina Gericke von Ärzte gegen Tierversuche e.V. geht in einem Artikel auf die Frage ein „Wie kann ich Tierversuchs-Produkte boykottieren?“. Neben Fragen zu Kosmetik setzt sie sich auch mit Fragen zu Medikamenten und schulmedizinischen Behandlungsmethoden auseinander.

Du ziehst die Grenze

Wer mit gesundem Menschenverstand an die Sache herangeht, wird um einen gewissen Pragmatismus nicht herumkommen. Wir haben halt von unseren Eltern nicht die perfekte Welt geerbt. Jeder wird für sich selbst entscheiden müssen, wo er eine Grenze zieht. Damit jeder das möglichst bewusst handhaben kann, ist es aber ganz wichtig, das gute Informationen vorliegen und allmählich in der Gesellschaft, beim medizinischen Personal und in der Pharma-Industrie eine Sensibilisierung stattfindet. Da ist jeder gefragt: also, dranbleiben.

Gewachste Zahnseide

Denkt daran, wenn ihr beim nächsten Mal zur professionellen Zahnreinigung geht und die zuständige Person die Zahnseide zwischen euren Zähnen durchziehen will. Die Zahnseide ist meistens gewachst. Werbung von den Produzenten findet ihr garantiert in jeder Zahnarzt/Zahnärztin-Praxis. Fragt lieber nach und am besten habt ihr eure eigene ungewachste dabei. Wie ist das bei dem Poliermittel, mit dem die Zähne zu Schluss poliert werden? Fragt Mal nach.

Blutkrankheit: vegan

Ich kenne eine Zahnärztin, die in dem Fragebogen für neue Patienten neben allgemeinen Daten, Fragen zu Allergien, zur Krankengeschichte und zu chronischen Krankheiten auch nach einem Kreuzchen fragt, ob man „vegan“ lebt. Dabei steht diese Frage unter den Blutkrankheiten. Warum? Ihr sei fasst Mal ein „Veganer“ verblutet. Der musste sofort ins Krankenhaus. Seitdem, stehe das da drauf, sagt sie.

Ich empfehle euch auch einen aktuellen Artikel auf „medicalnewstoday“ mit dem Titel „Clearer labels needed on drugs containing animal products“.

 

 


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