gen-frei leben: „Die Unternehmen stehlen, wo sie nur können“

Vandana Shiva kämpft für eine Welt, die "gen-frei" ist

Dr. Vandana Shiva: zuhören und präzise antworten.                           Foto: Malte Clasen

Dr. Vandana Shiva reist viel um die Welt, sie führt überall erfolgreich Prozesse gegen Großkonzerne, die die Welt mit Samen- und Pflanzen-patenten kontrollieren wollen. Sie unterhält ein weltweites Netzwerk zu außerordentlich einflussreichen Menschen und sie gilt als eine der wichtigsten Intellektuellen unserer Zeit.

Auch in ihrem Heimatland Indien ist sie viel unterwegsWirklich zu Hause ist die promovierte Atomphysikerin auf der kleinen Farm „Navdanya“. Dort hat Sie ein großes Archiv für alte indische Samen aufgebaut, die dort gehütet worden. Der Name „Navdanya“ steht auch für die Organisation, die mittlerweile in vielen Landesteilen Indiens vielseitig aktiv ist. 1993 ist Dr. Vandana Shiva mit dem „Alternativen Nobelpreis„ ausgezeichnet worden. Wer ihr im Gespräch gegenüber sitzt, spürt unmissverständlich und gnadenlos, dass in der Welt der Gentechnikproduzenten nur unglaublich viel Kraft, Mut, Ausdauer und die allerbesten Argumente mit den allerbesten Beziehungen weiterhelfen. Wenn überhaupt.

Vandana Shiva kämpft für eine Welt, die "gen-frei" ist

Dr. Vandana Shiva: zuhören und präzise antworten.                           Foto: Malte Clasen

Vandana, meine erste Frage mag Dir ja ungewöhnlich erscheinen, aber Du kennst Dich auch in folge vieler Besuche in Deutschland hier recht gut aus und mich würde Mal Deine Sicht interessieren, ob Du Deutschland für ein demokratisches Land hältst?

Wenn ich mir die Absichten der gegenwärtigen Koalition anschaue, würde ich sagen, dass es eine Reihe von Entscheidungen gibt und geben wird, die im klassischen Sinne nicht demokratisch sind. Ich denke dabei an die schleichende Einführung von genmanipuliertem Getreide. Ich denke dabei an die Einführung von Genkartoffeln und ich denke auch ganz aktuell an die geplanten Laufzeitverlängerungen mancher Atomkraftwerke. Das sind Dinge, die die Mehrheit der Bevölkerung nicht will – und das ist nicht wirklich demokratisch.

Das ist aber kein rein deutsches Problem.

Das ändert ja nichts an der Tatsache, dass es so ist. Natürlich gibt es solche politischen Entscheidungen auch in anderen „demokratischen“ Ländern und genau das ist ja das Problem. Deswegen ist es oft so schwierig, Sachen, von denen eigentlich jeder weiß, dass sie gemacht werden müssen, auch politisch durchzusetzen. Nur allzu oft scheitern wichtige Schritte an einer mächtigen Lobby, die eben den Status Quo ihrer Machtposition als unantastbar ansehen.
Das Ganze zähle ich unter falscher Vorstellung von Freiheit. Das ist nämlich die amerikanische Vorstellung von Freiheit. Wenn sie jemals wirklich funktioniert hat, heute funktioniert sie definitiv nicht mehr. Wir brauchen, um das einzusehen, nur nach Afghanistan zu schauen. Oder, wir nehmen andere Zentralasiatische Länder; oder, wir nehmen den Irak. Es ist diese falsche Vorstellung von Freiheit, die daran schuld ist, dass wir dieses ganze Durcheinander, dieses Chaos in diesen Ländern haben. Diese falsche Vorstellung von Freiheit ist schuld daran, dass wir diese ganzen Probleme mit dem Klima haben. Diese Vorstellung von Freiheit ist eine sehr anti-ökologische.

Eine Welt, die „gen-frei“ ist, wird es wohl kaum wieder geben können

Wie benennst Du die Ursachen dafür?

Im Grunde gibt es dafür nur eine Ursache: Das ist die Gier der Unternehmen. Ohne Rücksicht auf Kulturen und Menschen werden auf aller Welt in einem erschreckenden Ausmaß Menschen ausgebeutet. Wie kann es sein, dass ein Unternehmen, wie Monsanto nach Indien kommt und unseren traditionellsten und vielseitigsten Baum, den Neembaum, mit einem Patent belegen möchte. Jeder Mensch in Indien nutzt seit Jahrhunderten in irgendeiner Weise Produkte dieses Baumes: beim Kochen, beim Zähneputzen oder als Heilmittel o.ä. Nun war die Absicht von Monsanto nach der Patenterteilung, dass alles zu kontrollieren und an allem zu verdienen (gen-frei ade). Wir haben natürlich massiv Widerstand geleistet und sind vor alle Gerichte gezogen. Zum Glück mit Erfolg. Und ich sage, solche Erfolge sind keine Ausnahmen. Man muss es halt angehen und durchhalten.

Gier, Profite, finanzstarke Lobbys: das sind auch allgemeine Themen der industriellen Tierproduktion.

Ich bin immer fassungslos über das Ausmaß der Unkenntnis vieler Menschen und mir scheint oft, ein Bewusstsein des Verdrängens vorzuherrschen. Scheinbar akzeptieren viele Menschen, dass wir, wenn wir so weiter machen, wirklich den Planeten zerstören, als seien wir sowieso unfähig, etwas zu ändern. Wir rotten seit Jahrhunderten eine Art nach der anderen aus, wir zerstören die Vielfalt der Erde und wir foltern jedes Jahr Milliarden von Tieren zu Tode, und sicher nicht zuletzt, werden wir uns selber vernichtet haben.

Vandana Shiva ist sehr erfahrene Gesprächspartnerin

Gespräch über äußerst kritische Themen in entspannter Atmosphäre.    Foto: Malte Clasen

Mittlerweile setzt sich aber doch bei wirklich vielen Menschen die Erkenntnis durch: So geht es nicht weiter.

Das mag sein. Dennoch ändern die Menschen nicht wirklich etwas: weder in ihrer Umwelt und schon gar nicht bei sich selbst – außer es geht komfortabel. Nur, das reicht schon lange nicht mehr. Die schlichte Erkenntnis reicht nicht aus. Nehmen wir doch einfach die Ernährung, die industrielle Fleischproduktion und der Fleischkonsum sind verantwortlich für die anhaltende Verbreitung des Hungers auf dieser Welt. Alleine 50% der Getreideernten werden als Tierfutter verfüttert. 50% der weltweiten Schadstoff-Emissionen stammen aus dieser Industrie. Darunter Kohlendioxid, aber auch das um ein Vielfaches schädlichere Methan. Die Tierindustrie hat einen enormen Flächenverbrauch. Wenn deutlich mehr Menschen zu einer pflanzlichen Ernährung wechseln würden, hätten wir als erstes einmal das Quälen der Tiere abgeschafft. Wir würden riesige Fortschritte in der Bekämpfung des Hungers in dieser Welt machen. Wir würden ebenfalls riesige Fortschritte im Umweltschutz verzeichnen. Wir könnten Land an die zurückgeben, denen es irgendwann Mal gestohlen wurde. Und wir würden unser gesamtes Gesundheitssystem entlasten.

Wenn die Erkenntnis allein schon nicht mehr reicht, was schlägst Du vor?

Vandana Shiva ist weltweit als Gesprächspartnerin begehrt

Hart in der Sache, aber sonst außerordentlich herzlich.                                         Foto: Malte Clasen

Wir müssen unbedingt weg, von diesem rein profitorientierten Denken. Wir müssen wieder Werte wie Hilfe und Mitgefühl in den Mittelpunkt unseres Lebens stellen. Wir müssen also das Verhältnis ändern, mit dem wir miteinander umgehen. Geld darf nicht länger der fast schon einzige gemeinsame Nenner sein. Wenn wir das Schaffen, wird sich auch unser Gefühl für demokratisches Verhalten ändern, weil sich unser Blick für Gerechtigkeit schärfen wird. Aus einem solchen Gefühl heraus würden wir auch die Fähigkeit haben, die Erde zu schützen und somit zu retten. Gelingt uns in unserem Verhalten kein grundlegender Paradigmenwechsel, werden wir schlichtweg scheitern und die Menschheit, wie auch andere Arten und die Erde als Lebensraum für uns verschwinden.

Die Konzene wollen immer zuerst die Basis schwächen

 

Inwieweit ist denn, sagen wir Mal ein Volk, heutzutage noch in der Lage eine Forderung der Mehrheit gegen eine politische Minderheit durchzusetzen – zumal in einem demokratischen Land?

Wir dürfen den gesunden Menschenverstand und den Glauben an die Kraft eines Volkes nicht unterschätzen. Denken wir einfach an die Unabhängigkeit Indiens, das war eine solche Forderung des Volkes und es hat funktioniert, es hat sogar gegen eine ganze Kolonialmacht funktioniert. Ich sage, es kann nicht sein, dass so etwas, wie Samen, bzw. deren Besitz über Patente oder wie auch immer auf einem Monopol basiert. Die Unternehmen wissen ganz genau, dass in Indien traditionell die Frauen für das Saatgut verantwortlich sind. Sie setzen also bei ihrer Gentechnik genau dort an, wo sie gleichzeitig auch der Rolle der Frau die Basis nehmen. Das sind alles Dinge, die erzählen wir den Regierungen immer wieder. Und ja, natürlich machen wir da auch Fortschritte und ja, natürlich ist das mühsam und dauert manchmal lange. Jedoch sind wir mit jedem Erfolg stärker und wir werden von immer mehr Menschen unterstützt. Auf der ganzen Welt. Ich bin da ganz und gar nicht hoffnungslos.

Wie kann ich mir eigentlich die Menschen vorstellen, die bei Unternehmen arbeiten und mehr oder weniger verantwortlich sind, für das, was geschieht?

Das ist interessant, man denkt ja immer, wer lässt sich dies und das einfallen. Aber, wenn du mit den Leuten sprichst, das sind alles liebende Eheleute und Eltern entzückender Kinder. Eltern, die sich oft sozial engagieren und die, sagen wir Mal z.B. bei Monsanto, in der Kantine beste Biolebensmittel essen. Das Problem ist, dass, weil diese Menschen Geld für das bekommen, was sie machen, schalten die meisten von ihnen ihr Bewusstsein einfach ab, damit sie ihren Job erledigen können.

Wie heißt es so schön, „wes Brot ich ess, des …“.

Die Zeiten, wo die Reichen privilegiert nehmen können, was sie wollen sind entgültig vorbei. Wir brauchen einen neuen Gemeinschaftsgeist, denn alles andere verursacht immer nur noch mehr Gewalt. Die Ressourcen werden nun Mal immer knapper.

Vandana, herzlichen Dank für das Gespräch.

 

©Guido Barth

Lesetipp:

Vandana Shiva
Leben ohne Erdöl
Eine Wirtschaft von unten, gegen die Krise von oben

Rotpunktverlag
ISBN 978-3-85869-405-8

 

Fotocredits:  (c) Malte Clasen

 

 

 

 


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