Arnold Wiegand: „Die Grenze verschiebt sich immer mehr“

Guido Barth trifft: Arnold Wiegand (2010)

vegan und roh: Nahrung für Ausdauer und Glück

Ultra-Athlet:  Arnold Wiegand

Arnold Wiegand ist Ultra-Distanz-Sportler. Das bedeutet Wettkämpfe über 160 km Laufen, oder 30 km schwimmen, oder mehrere Triathlon-Ironman „nacheinander“. Arnold Wiegand ernährt sich vegan und rohköstlich und wenn er erzählt, begegnen ihm die Menschen meistens mit einer Mischung aus Bewunderung und Kopfschütteln, so extrem sind seine Leistungen.

„Es ist so, dass die Leistungen einfach nicht ignoriert werden können“, sagt er und ist sich sicher, dass wenn er keinen Sport machen würde und nur von der Ernährung berichten würde, hätte dass eine viel geringere Glaubwürdigkeit.

Ein dreifacher Ironman über 43 Stunden, oder 160 Kilometer Laufen, oder 30 Kilometer Schwimmen, ist das auch eine Frage des Leidens?

Nein. Ich war bisher auch nicht so nah an der Grenze, wie manche Teilnehmer an Ironman
Wettkämpfen, die zwischendurch ärztliche Hilfe annehmen mussten, oder die im Ziel eine
Infusion brauchten. Das meine ich auch nicht mit Grenze. Wenn ich von Grenze spreche,
meine ich die eigene „extreme“ Leistungsfähigkeit, unter der Voraussetzung eines
entsprechend trainierten Körpers. Ich möchte immer auch herausfinden, was brauche ich mental, um so etwas durchzustehen oder vielleicht sogar noch zu übertreffen.

Ultra-Athlet Arnold Wiegand lebt vegan

Diese Maschine läuft mit Muskelkraft. Arnold „on the road“.

Was verstehst Du unter „diesem“ mental?

Das ist einfach: wie gut komme ich in einem solchen Wettkampf mit mir klar. Welche
Gedanken kommen, wie gehe ich damit um, welche Gefühle entstehen und kann ich das alles handhaben. Wenn ich das alles unter Kontrolle habe erreiche ich bei meinen
Ausdauerleistungen einen Zustand, in dem mir die dafür nötige Energie zur Verfügung
gestellt wird. Die ist da, ich spüre sie und wundere mich immer, wo die herkommt. Beim
Radfahren und Laufen in der Nacht beim dreifachen, ich war keinen Moment müde. Ich habe keinen Sekundenschlaf gehabt, wie andere. Die haben sich dann hingelegt, sonst wird das zu gefährlich auf dem Rad. Ich habe nicht Mal dran gedacht, oh eigentlich müsste ich müde sein. Ich war nicht müde. Ich war voll in der Spur.

Du ernährst Dich von veganer Rohkost?

Ja. Ich esse kiloweise Obst, Gemüse und Gekeimtes. Keimen lasse ich besonders: Getreide, Linsen, Erbsen, Kichererbsen, Mungobohnen, Mohn, Sesam.

Woraus besteht Deine Ernährung während eines Wettkampfes zusammen?

Beim Schwimmen esse ich Maronenpulver (Edelkastanie), in Wasser aufgelöst und ergänzt mit Salz – da nehme ich Himalaya-Salz und Magnesium. Maronenpulver hat viele
Kohlenhydrate und wirkt sehr basisch. Das Maronenpulver nehme ich dann als Getränk auch zum Rad fahren. Nach Lust und Laune esse ich dann noch Rohkostmüsli. Das waren gekeimter Roggen, gekeimter Mohn, Rosinen, Bananen, wieder das Maronenpulver und Mandeln zu Pulver zerkleinert. Das Ganze mit Wasser vermischt und etwas quellen lassen. Ich mache auch gerne noch Apfel und Zitronensaft dazu, womit sich die Eisenaufnahme besonders aus dem Mohn deutlich verbessert. Dazu mach ich auch schon Mal fünf Minuten Pause und setze mich hin.

Vegan bringt dich weiter

Ausdauer-Schwimmen im Zürichsee

Alles Süßes?

Ja, genau. Irgendwann kam ich an einen Punkt, da war ich das Süße total leid, ich brauchte etwas anderes. Da hab ich Brötchen mit veganer Pflanzenmagarine gegessen. Richtig dick, fett bestrichen, mit Tomate, Gurke und Salz drauf. Das war so ein Heißhunger. Mittlerweile mache ich das anders und „dörre“ mir mit meinem Dörrgerät mehr Rohkostbrote und Rohkost-Cracker. Ich hab schon einiges ausprobiert. Allerdings ist das für Wettkämpfe schwierig, weil die Sachen nicht so lange haltbar sind.

Nimmst Du dazu noch Nahrungsergänzungsmittel?

Das hängt von der Trainingsbelastung ab und natürlich vom Wettkampf. Das hängt auch noch vom Wetter ab. Das heißt, wenn ich 16 Stunden trainiere und es ist heiß, dann habe ich das Gefühl, dass ich Magnesium zu mir nehmen muss, das ist dann auch wichtig. Schwerpunkt Magnesium, dazu ganz wenig Kalzium. Kaltwasserschwimmen, aber auchLangstreckenschwimmen zieht enorm viel Magnesium aus dem Körper. Das äußert sich in Krampfneigung. Ich schwimme ja auch im Winter im See – ohne Neopren Anzug.

Eisbaden ist extrem

The sun ain’t shining but he is fine.

Wieviel „warm“ ist das Wasser?

Ab 3°C bis 4°C aufwärts und da bin ich je nachdem so eine Viertelstunde drin. Ich hatte Mal mit einem 300 Liter Regenfass auf die Terrasse angefangen. Jetzt geht es aber immer raus in den See. Für mich ist das Herausforderung und Stärkung des Immunsystems zugleich.

Und, hilft es wirklich?

Natürlich. Ich gehe dabei noch über das Zittern hinaus. Wenn dir kalt wird, dann zitterst du und wenn es noch kälter wird und die Unterkühlung noch weiter fortschreitet, dann hört das Zittern auf und die Haut fängt an sich zu röten. Wenn ich nach 15 Minuten aus dem Wasser steige, ist meine Haut ganz rot. Das ist für mich ein Zeichen für Unterkühlung, allerdings noch nicht in einem grenzwertigen Bereich. Ich passe da auch sehr genau auf, was mit mir passiert. Wie fühlt sich mein Körper an, wie ist mein Bauchgefühl, wie ist die Krampfneigung in den Muskeln, wie fühlen sich meine Hände an und auch, wie sind meine Denkprozesse. Ich prüfe mich da permanent, denn ich bin mir über das Extrem meiner Aktionen absolut bewusst.

Was passiert mit Dir, wenn Du wie bei einem Triple-Ironman gute 43 Stunden unterwegs bist?

Nach 3.25 h kam ich als Sechster aus dem Wasser, aufs Rad und durch die Nacht hindurch und nach 24 h habe ich mich für eine Stunde hingelegt. Das ist eine interessante Erfahrung, die ich bereits vorher schon gemacht hatte. Während eines 24 Stunden Laufs hatte ich mich in der Nacht für eineinhalb Stunden hingelegt. Da hatte ich auch genau diese Bedenken gehabt. Oh je, wie wird das. Komme ich da überhaupt hoch und was werden die Beine sagen. Aber, das war überhaupt kein Thema. Ich konnte ganz normal weiterlaufen, da war keinerlei Einschränkung. Genau das ist auch jetzt bei dem Wettkampf eingetreten: Keinerlei Probleme. Ich hab den Wecker diesmal für eine Stunde gestellt und noch bevor er geklingelt hat, war ich wieder wach. Ich hab den Wecker ausgestellt und bin sofort weitergefahren.

vegan läuft sich's besser

Arnold, vegan athlete still „on the road“

Ich halte Mal fest: erster Tag, 24 Stunden unterwegs plus eine Stunde Schlaf?

Ja. Am nächsten Abend bin ich vom Rad gestiegen, da musste ich mir überlegen, laufe ich weiter, das würde dann so halb vier Nachts werden. Da war ich erst etwas unsicher, brauche ich noch etwas Schlaf, sollte mich also hinlegen, oder laufe ich weiter. Ich hab mich für das Laufen entschieden, ich wusste, ich bin dazu in der Lage und so habe ich es auch gemacht. Um halb vier, bei dem ersten Morgengrauen, bin ich im Ziel angekommen.

Geht so was dann bei Dir mit ärztlicher Begleitung, eventuell auch unter dem Aspekt der Ernährung?

Nein. Ich kenne da keinen, der irgendeine Kompetenz hätte, die mir weiterhilft. Ich suche auch nicht danach. Ich vertrete die Auffassung, das ich als Intensivsportler fähig sein möchte und auch bin, zu erkennen: was brauche ich, was bedarf einer Ergänzung und was gibt es zu verbessern. Gelegentlich lasse ich zusammen mit einem Belastungs-EKG eine gesundheitliche Überprüfung machen. Der Arzt schüttelt immer mit dem Kopf und sagt, er hätte auch gerne so viel Energie. Alles im grünen Bereich.

Arnold, lieben herzlichen Dank für das Gespräch.

 

©Guido Barth
Fotos: Arnold Wiegand

Lesetipp: Vegan + Sport, von Arnold Wiegand

Links:

Webseite: www.vegan-sport.de

Eisbaden und andere Videos: http://www.youtube.com/user/VeganSport#p/u


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