„Ich bin nie bewusst Vegetarier geworden, ich hab einfach nie Fleisch gegessen“

vegetarisch, politisch, frei: Wam Kat

Wam hat immer eine soziale Botschaft

WAM KAT ist Niederländer und Lebenskünstler. Er stammt aus einer Künstler-familie und war viele Jahre als professioneller Musiker unterwegs. Wam Kat hat den Bosnienkrieg hautnah erlebt,  als er dort für Schulungen in „gewaltfreier Kommuni-kation“ verantwortlich war.

 

 

Er hat das Kommunikationsnetzwerk „Zamir“ und die Organisation „Suncokret“ (Sonnenblume) aufgebaut, die mit einigen hundert Freiwilligen in bis zu 30 Flüchtlingslagern in gewaltfreier Kommunikation unterrichtet hat und sich auch um soziale Probleme, um Nahrung und medizinische Versorgung gekümmert hat. Vor einem viertel Jahrhundert hat er das Kochkollektiv „Rampenplan“ gegründet. „Rampenplan“, was soviel bedeutet, wie „Notstandsplan“, existiert auch heute noch und bekocht Menschen bei Großdemonstrationen, wie z.B. in Heiligendamm oder bei Protesten gegen Atomkraftwerke. Das können locker auch Mal über 5.000 Menschen sein.

„Bezahlen muss dafür niemand, jeder, der etwas isst, spendet soviel, wie er kann und für angemessen hält.“ Das Essen ist je nach Bedarf vegetarisch oder vegan. In Berlin kocht Wam Kat zudem gemeinsam mit einem weiteren Kochkollektiv, der „fahrenden Gerüchteküche“ und er engagiert sich für „gewaltfreie Kommunikation“ in Schulen. Es war gar nicht so einfach herauszufinden, dass Wam Kat promoviert wurde. Wie sich im Gespräch herausstellte, sogar gleich zweimal. Seit nunmehr 13 Jahren lebt er südlich von Berlin, im Fläming. Dort ist der Autor eines wunderbaren Kochbuches, mit vielen Geschichten aus seinem spannenden Leben, politisch aktiv.

vegetarisch ist doch sonnenklar

Wie weit ist Humor eine Frage der äußeren Umstände?

Wam, hast Du ein Lebensmotto? Ich hab ein ganz schönes Motto. Ich gehe davon aus, dass nichts funktioniert.
So werde ich tausend Mal am Tag überrascht, weil eben doch hin und wieder
etwas funktioniert.

Du warst während des Krieges im Balkan, rührt die Erkenntnis daher?
Das Motto hatte ich schon vorher, aber in extremen Situationen hilft das
besonders.

Bist Du auch heute noch häufiger im Balkan? Ja, mindestens zwei-, dreimal pro Jahr.

Vegetarischer Schauplatz Balkan

Was machst Du da? Ich begleite einige Projekte und kreiere neue Ideen; ich besuche auch ältere Projekte, die heute völlig selbstständig laufen. Wir haben damals total verrückte Dinge getan. So haben wir in der von Fleisch geprägten serbischen Kultur in einem kleinen Dorf ein vegetarisches Restaurant aufgemacht. Die Menschen dort erklärten uns für völlig verrückt: vegetarisch und Balkan, das
gehöre nicht zusammen, haben sie gesagt.

Gibt es das Restaurant noch? Das gibt es noch und es ist auch immer noch vegetarisch, sogar immer mehr vegan. Es ist eigentlich, für die Leute die da essen, eine Art Symbol geworden. Es war ja Krieg und es gab kaum etwas zu essen. Uns ging es ging dabei darum, vegetarisches Essen so zu präsentieren, dass die Leute nachdem sie dort gegessen hatten, nicht mehr das Gefühl hatten, wir haben nichts
gegessen. Gegessen zu haben, ohne das Fleisch dabei war, war gleichbedeutend, mit nicht gegessen zu haben. Gemüse war kein Essen, Gemüse war etwas, das man zu Fleisch isst. Hunger kam zu einem großen Teil, aus dem Nichtessen von Fleisch.

Wie habt Ihr das angestellt? Wenn man einen Teig aus Reis oder aus Buchweizen macht und das mit Steakkräutern schön backt, dann merkt niemand am Geschmack, dass das kein Fleisch ist. Sie haben dann beim Essen dieses gleiche Erlebnis, dieses gleiche Aha-Erlebnis, das sie haben, wenn sie Fleisch essen. Die sagen, ah, wenn ich Fleisch esse, dann habe ich dieses richtige Gefühl, dass ich was im Magen habe. Dann haben sie Buchweizen gegessen und haben dieses Gefühl auch; obwohl sie mit Buchweizen etwas gegessen haben, dass für jeden, der es Mal pur gegessen hat, ein Schreckensbild darstellt.

Warum bist Du überhaupt in den Balkan gegangen? Ich wurde nach dem II. Weltkrieg geboren und wollte sehen, was Krieg genau ist.

Und? Ich weiß jetzt, dass Krieg jederzeit passieren kann und dass es von daher
nichts Besonderes ist. Ich habe ja nicht mit der Waffe gekämpft. Ich habe u.a.
das Kommunikationsnetzwerk „Zamir“ aufgebaut. So ein Computernetzwerk
gab es damals ja vielerorts überhaupt noch nicht, das war 1993. Das war
nachher für viele Menschen die einzige Möglichkeit miteinander zu
kommunizieren.

In der Fleischfabrik

Du warst u.a. Biogärtner, Sozialarbeiter, Leiter eines Jugendzentrums, Zeitungsmacher und Du hast auch Mal Wurst gemacht. In einer Fleischfabrik, ja, zwei Jahre lang. Ich war am Fließband tätig, einige Monate war ich auch richtig Schlachter.

Wie viel Überwindung hat Dich das Töten gekostet? Die ersten zwei Tage waren sehr schlimm, danach ging es. Ich fände es übrigens gut, wenn jeder Fleischesser einmal selber schlachten würde und sehen würde, was das bedeutet.

Es mag ja pervers erscheinen, aber wie war das bei Dir in dieser Zeit mit dem Appetit auf Fleisch? Wenn das Fleisch nachher aus dem Rauchofen kam, war die Versuchung schon manchmal da. Trotzdem habe ich immer gedacht, ich weiß nicht, wie mein Körper darauf reagieren würde. Denn das ist ja etwas, dass er bis heute absolut noch nicht kennt.

Die (vegetarisch-vegane) Küche ist das Zentrum

Psychologie á la vegetarisch

Essen für alle Klassen: vegan? na klar.

Du bist Soziologe und Psychologe, was hat bei Deiner Tätigkeit in den
Kochkollektiven mit diesen Bereichen zu tun? Hat überhaupt etwas damit zu tun? Ja, natürlich. Das beste psychologische Behandlungs-zimmer, ist die Küche. Das ist der einzige Ort, an den alle kommen und keiner darüber nachdenkt, es einfach auch nicht erwartet, dass da ein Psychologe hinterm Topf steht. Du bist Personal, du bist Koch und dem kannst du alles erzählen, wie du deiner Mutter alles erzählen kannst. Die, die in der Küche sind, kriegen informell alles mit, alle Probleme, die im Umlauf sind. Früher oder später landen alle Probleme in der Küche. Wenn da dann noch ein Mensch sitzt, der das auch verarbeiten kann, damit etwas machen kann, das ist dann noch Mal ein „I-Tüpfelchen“, was man draufsetzen kann. Wenn man irgendwo ein Camp hat, die Küche ist der Platz, wo alle sozialen und kulturellen und andere Probleme
zusammenkommen. Scheißegal, was es ist und wie viele Leute es sind.
Wie kann ich mir das vorstellen?
Guck dir unsere Küche an, wenn wir für 5.000 Leute kochen, sitzen wir
vielleicht mit 16 Leuten in der Küche und ganz vielen, die helfen kommen, die
Schnippeln kräftig und tauschen sich heftig aus, wo die herkommen und so
weiter. Die Küche, das ist der einzige Platz, wo wirklich geredet wird. All die
Diskussionsgruppen, da ist das meistens nur einer und der oder die sagt, wo
es lang geht; nur in der Küche haben die Menschen tatsächlich Kontakt
miteinander. Wir selber, also die 16 Leute, die fest in der Küche sind arbeiten
fast ohne etwas zu sagen miteinander. Das ist, weil wir meistens schon länger
miteinander zusammenarbeiten und es gibt keinen Chef, der sagt, wo es
langgeht.

Hier wird vegetarisch gekocht

Gut vorbereitet geht die Küche auf den Weg.

Jeder weiß, was er zu tun hat? Absolut. Es gibt nur die Absprache, das im Notfall jeder einen Topf hat. Das ist mein Topf und da darf keiner mitreden. Im Endeffekt bin nur ich allein dafür verantwortlich, was da raus kommt. Wenn wir das nämlich nicht absprechen, kriegen wir Ärger. Wir werden da nicht mit acht Menschen diskutieren: ist das Essen jetzt fertig oder ist es noch nicht fertig. Jeder muss für seine eigenen 300 Liter gerade stehen und wir können es uns nicht leisten zu streiten. Wenn da in der Küche einer steht und anfängt zu schreien, das geht nicht, der muss da weg. Dann wird er auf fünf Kilometer Abkühlung geschickt. Weil, dass können wir in unserer Küche nicht haben.

Der rote Holländer

vegetarisch ist auch gut für Kinder

Kochen ist auch eine Generationenfrage? Eine Lösung?

Rampenplan gibt es noch, aber Du bist in Berlin auch an einem anderen Projekt beteiligt: die „fahrende Gerüchteküche“, ebenfalls ein Kochkollektiv, das vegan und vegetarisch kocht. Du selbst lebst seit vielen Jahren im Fläming. Was gefällt Dir am Leben auf dem Lande? Die Nähe zu Berlin, außerdem ist da Platz und Ruhe. Du brauchst nicht ständig Deinen Kindern hinterher rennen. Wenn bei mir zu Hause Mal mehr als drei Autos vorbeifahren, denke ich über eine Ampel nach. Fläming kommt von Flamen, heute liegt das in Belgien, aber das gehörte ja auch Mal zu den Niederlanden. Ich bin also so etwas, wie Botschafter: Der Holländer, mit viel Humor und Witz.

Du bist dort auch Politiker? Ich bin Mitglied bei „die Linke“ und sitze auch im Stadtrat. Im Unterschied zu den meisten, bin ich aber einer aus dem Westen und ganz ohne SED Vergangenheit. Die hatten nur Staatskapitalismus, ich will aber wieder dahin, wo es bei uns in den 70’ ern, an der Basis, angefangen hat.

Wie stellst Du Dir das vor? Als Kollektiv in zehn Jahren autark, das wäre für uns ein riesiger Schritt nach vorne. Wir wollen selbst unser Essen produzieren und kontrollieren. Es ist unser Eigentum. In diesem Sinne nicht nur Vegetarismus, sondern überhaupt der bewusste Umgang mit Nahrung. Wobei vegetarisch oder vegan eigentlich die ersten Stufen sind, wo man überhaupt erst anfängt, richtig über Nahrung nachzudenken.

Vegetarische Kochkonzepte für eine soziale Gemeinschaft

So ein G8 Gipfel lockt viele Menschen an. Vegan mögen alle.

Welche Rolle spielt dabei die Küche? Rampenplan oder auch die „fahrende Gerüchteküche“ sind Kollektive. Es ändert sich in vielen Dingen was, aber die Eigentumsrechte, die ändern sich nicht. Wir machen mit unserer Küche, was wir auch leben wollen – es funktioniert. Wir sind damit auch Botschafter unserer Region. Ob das mit Fleisch ginge, ich glaub’s nicht.

 

Wam, herzlichen Dank für das interessante Gespräch.

Wam auf Facebook.

.
Wam KAt hat phantastische vegetarisch RezepteBuchtipp: „24 Rezepte zur kulinarischen Weltverbesserung“ von Wam Kat
17 x 22 cm | 256 Seiten | gebunden, mit vielen ganzseitigen
Farbfotos
€ 25,- (D) | € 25,70 (A) | SFr 44,00 (CH)
ISBN 978-3-936086-36-2

.

.
Fotocredits: © alle Fotos von Wam Kat