„Nein, denn die handeln ja – wie du schon sagst – gedankenlos.“

Guido Barth trifft: Karen Duve (2011)

Karen Duve, Schriftstellerin Foto: © Thomas Müller

Karen Duve, Schriftstellerin
                                                                                           Foto: © Thomas Müller

Karen Duve ist Bestseller-Autorin. Ihren sensationellen Durchbruch hatte sie 1999 mit dem „Regenroman“ und nach zuletzt „Taxi“ ist aktuell ihr Buch „Anständig essen“ außerordentlich nachgefragt. In diesem Buch beschreibt sie ihren ein Jahr währenden Selbstversuch, in dem sie verschiedene Lebens- bzw. Ernährungsstile jeweils über zwei Monate ausprobiert hat: biologisch-organisch, vegetarisch, vegan, frutarisch. Seit Monaten wird die Autorin zu diesen brandaktuellen Themen ständig in TV-Talkshows eingeladen. Anders als vor ihrem Selbstversuch lebt Karen Duve jetzt dauerhaft vegetarisch/vegan.

Ich habe Dich in verschiedenen Medien schon häufiger sagen hören, dass Du das mit dem Fleisch essen alles ja schon lange gewusst hast. Warum hat es aber so lange gedauert, bis Du tatsächlich etwas geändert hast?

Es ist ja nicht so, dass ich beim Einkaufen jedes Mal gedacht hätte: „ah ja, für diese Wurst, für diesen Braten ist ein Tier gequält worden, und das finde ich gut und richtig – Hauptsache, ich kann schön billig Fleisch essen.“ Ich habe beim Einkaufen einfach gar nicht nachgedacht. Ich bin selber bestürzt, wie einfach es mir gefallen ist, das Offensichtliche zu ignorieren. Zum einen lag das wohl auch daran, dass mein Leben sehr gehetzt verlief und ich meinem Einkauf nicht besonders viel Beachtung schenkte. Zum anderen hätte Nachdenken natürlich auch bedeutet, dass ich nicht mehr das bekommen hätte, was ich haben wollte.
Übrigens habe ich zwar auch schon früher genug über Massentierhaltung gewusst, dass ich ausreichend Grund gehabt hätte, dieses Fleisch nicht mehr zu essen, aber das ganze Ausmaß der Tierquälerei war mir nicht bekannt. Das war noch einmal ein Schock, als ich zum Beispiel von Schweinen erfuhr, die bei lebendigem Leib verbrüht wurden.

Welchen Einfluss hat Dein soziales Umfeld auf dein Buchprojekt „Anständig essen“ ausgeübt?

In meinem Freundes- und Bekanntenkreis hat es keine Vegetarier und schon gar keine Veganer gegeben. Das ist wahrscheinlich auch ein Grund, warum ich mich so lange ethisch unter aller Kanone ernährt habe. Wenn alle anderen sich genauso ernähren, hat man automatisch das Gefühl, dass das schon irgendwie in Ordnung geht. Der Impuls, die Angelegenheit neu zu überdenken, kam ja auch nicht zufällig in dem Moment, als meine Freundin bei mir einzog. Die war noch nicht einmal Vegetarierin, aber sie hat mich ständig damit konfrontiert, was ich da eigentlich tue, wenn ich Fleisch aus dem Supermarkt kaufe. Und als ich damit laufend konfrontiert wurde, konnte ich natürlich nicht mehr verdrängen, was ich da eigentlich tat. Und dann konnte ich dieses Fleisch auch nicht mehr kaufen.

Du hast bei einer Podiumsdiskussion das Selbstbild angesprochen, mit dem man sich auseinandersetzen muss, wenn man seine Ernährung unter ethischen Gesichtspunkten kritisch betrachtet, hat Deines dabei gelitten?

Ja, an einem bestimmten Punkt während meines Selbstversuchs musste ich mir eingestehen, dass Moral nicht eine so große Rolle in meinem Leben spielt, wie ich mir das bisher eingebildet hatte. Das war, als ich merkte, dass die Lebensweise, die am meisten meinem ethischen Wertesystem entsprach, die vegane war. Und dass ich trotzdem keine Lust hatte, vollständig vegan zu leben. Da war ich mit einer Erkenntnis über mich selbst konfrontiert, die ich eigentlich gar nicht so genau wissen wollte.

Seit drei oder vier Jahren wird in vielen Medien auf die Auswirkungen der Fleischproduktion auf die Klimaerwärmung und deren Folgen hingewiesen. Das stimmt natürlich alles, aber es geht doch, zumindest im Ansatz, schon wieder an der konkreten Tierethik vorbei?

Egal. Hauptsache, die Leute hören endlich auf, dieses fürchterliche Fleisch zu essen.  Anscheinend verdrängen sie mit Leichtigkeit aber nicht nur, welche Folgen ihr Verhalten für die Tiere, die sie essen, haben, sondern auch, welche dramatischen Konsequenzen das demnächst für sie selber haben wird. Keiner von denen will ernsthaft, dass Tiere gequält werden, und die sind auch nicht besonders leichtsinnig, was ihre eigene Zukunft betrifft, aber es macht eben einfach keinen Spaß, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Wenn man darüber nachdenkt, heißt die Lösung Verzicht. Und Verzicht ist als Lösungsmöglichkeit nun einmal äußerst unbeliebt. Andererseits ist hier auch der Staat gefragt, der zumindest für mehr Aufklärung sorgen könnte.

Wir sprechen ja von Menschen, die für das, was geschieht verantwortlich sind?

Ja klar. Da ist aber auch viel Geld im Spiel und die „Pro“-Fleisch Lobby scheint ungeheuer einflussreich zu sein.

Wenn Du sagst, „kein Mensch“ würde bewusst die wahren Zustände tolerieren, schließt Du dann nicht all die Menschen aus, die sich gedankenlos an der Fleischtheke bedienen?

Nein, denn die handeln ja – wie du schon sagst – gedankenlos. Bewusst würden die das nicht tun – jedenfalls nicht alle. Viele würden wohl sagen, Schlachten ist okay, aber keiner von denen will, dass die Tiere vorher auch noch so gequält werden. Kein Mensch möchte, dass Hühner oder Schweine so gehalten werden, wie das bei uns gemacht wird.

Glaubst Du denn nicht, dass es im Grunde ganz einfach ist, dass die Menschen in diesen Angelegenheiten aufgeklärt werden?

Einfach ist das überhaupt nicht. Schließlich will man den Leuten ja etwas erklären, was sie eigentlich lieber nicht hören möchten, weil sie nämlich nicht die allergeringste Lust haben, auf ihr Schnitzel zu verzichten. Ich bin dafür, jeden Tag im Fernsehen, am besten direkt vor der Tagesschau, einen Spot laufen zu lassen, in dem deutlich gemacht wird, wie Tiere in der Massentierhaltung gehalten werden und wo den Leuten nahe gelegt wird, weniger Fleisch und wenn schon, dann wenigstens Fleisch aus anspruchsvoller Bio-Haltung zu kaufen. Dass die Verbraucher wissen, was los ist, das ist auch eine Aufgabe des Staates. Das fällt unter Fürsorgepflicht.

Karen Duve mit Einkaufsplastiktüte im Wald

„Anständig essen, anständig einkaufen“:
                                    Foto: © Helmut Prestel

Und im Abspann des Films „Anständig einkaufen“ stünde dann, dieser Film wurde aus Mitteln des Bundesministeriums für Landwirtschaft, Umweltschutz und Verbraucherschutz produziert?

Ja, genau. Es geht ja schließlich auch um Verbraucherschutz – darum, den Verbraucher davor zu schützen, durch seinen Einkauf zum Mittäter zu werden.

Das ist aber dasselbe Ministerium, das ihre Subvention auch an die Bauern gibt.

Und vor allem an die Massentierhalter! Deswegen läuft so ein Aufklärungsspot ja auch nicht. Stattdessen werden  lieber Werbeanzeigen mit Botschaften à la, „Fleisch ist ein Stück Lebenskraft“, oder „Die Milch macht‘s“ subventioniert. Das ganze Subventionierungsunwesen müsste überhaupt eingestellt werden oder die Gelder müssten zumindest völlig neu umverteilt werden. Eine bevorzugte Förderung der Bio-Landwirtschaft, wie das ja auch im Interesse des Verbrauchers ist.

Subventioniert wird wohl mit einer „anständigen“ Summe pro Hektar. Die Bauern selbst haben in dem Entscheidungsprozess eine starke Lobby.

Das ist ja wohl auch mal eine soziale Idee gewesen, Lebensmittel zu subventionieren,  damit auch der einfache Arbeiter genug und gut zu essen einkaufen kann. War auch mal eine prima Idee. Nur ist Unterernährung heutzutage  nicht gerade das dringendste Problem in Deutschland. Wir haben es mit einer verfettenden Bevölkerung zu tun, die selbst nach konservativsten Schätzungen etwa dreimal so viel Fleisch isst, wie es für die Menschen zuträglich wäre. Das heißt, wir subventionieren gerade den Selbstmord mit Messer und Gabel. Und so etwas gehört einfach nicht subventioniert.


©Guido Barth
Foto 1: © Thomas Müller
Foto 2: © Helmut Prestel

veggy-post_Duve_AnstaendigKaren Duve
Anständig essen

Ein Selbstversuch

Verlag Galiani Berlin
gebunden mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-86971-028-0

 

 

 

 

 

 


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