„Ich will kein Doppelleben mehr führen“

Guido Barth trifft: Cem Özdemir 

Cem Özdemir lebt schon lange vegetarisch

Cem Özdemir im Wahlkampf 2009

Wenn man sich mit Cem Özdemir vor einer Wahlkampfveranstaltung verabredet, trifft man auch viele Türkinnen und Türken, von denen man nicht immer gleich sagen kann, ob sie auch die Partei von Herrn Özdemir wählen, oder ob sie nur unheimlich stolz auf diesen Mann sind. Das kann natürlich ein Vorurteil sein, ist doch ein wichtiger Programmpunkt der Grünen, die Integrationspolitik; da wäre die Stimme sicher gut angelegt. Das soll aber gar nicht Thema dieses Interviews sein. Guido Barth hat sich mit Cem Özdemir getroffen und mit ihm in erster Linie über seine vegetarische Lebensweise gesprochen.

 

Cem Özdemir, bekennend vegetarisch – warum überhaupt?

Das hat eine Menge Gründe, der erste ist, dass ich als Kind deutsche Tageseltern hatte, während meine Eltern in der Fabrik gearbeitet haben. Die deutschen Tageseltern – die zweiten, die ich hatte, haben direkt neben dem Schlachthof gewohnt. Ich durfte dann beim Schlachten zuschauen. Es roch immer bestialisch. Die anderen Kinder wurden dann immer eingeladen, es war ja nur eine Kleinstadt und am Schlachthof stehen die Türen immer offen. Ich durfte zuerst Mal sehen, wie die Tiere antransportiert worden sind und draussen vor dem Schlachthof warteten und ihre Artgenossen kamen quasi schon als Hälften wieder raus. Die Kühe haben meistens eine ganze Weile da draussen gestanden, bis sie schließlich reingetrieben worden sind. Die Details im Schlachthof will ich jetzt mal aussparen. Das Ganze hat bei mir dazu geführt, dass ich ab dem Moment kein Tier mehr essen wollte, bei dem ich erkannt habe, dass es sich um ein solches handelt. Ich gebe aber zu, dass ich zuerst noch Fleisch gegessen habe. Als Stadtkind konnte ich mir nicht gleich ganz klar machen, dass Hackfleisch eben auch damit zusammenhängt.

Sicht-Vegetarier also?

Ein guter Begriff, den kannte ich so noch gar nicht. Ja, ich war ein Sicht-Vegetarier und bei Fisch war es eigentlich ähnlich. Bei Fisch hat mich mein Onkel als Kind immer gezwungen den zu essen. Ich wollte den nicht essen. Man sah ja auch beim Fisch immer Flosse, Auge und alles, der lag ja komplett vor einem auf dem Teller. Und ich wusste, dieser Fisch und ich werden keine guten Freunde mehr. Mein Onkel sagt immer, du darfst erst aufstehen, wenn dieser Fisch gegessen ist. Seit diesem Zeitpunkt konnte ich den Fischgeruch nicht mehr vertragen und keinen Fisch mehr essen. Ich aß aber noch eine Weile Fischstäbchen.

Was sagte denn die Familie dazu, als ihr Sohn zum vegetarischen Lebensstil konvertierte?

Die Familie hat sich unglaublich schwer damit getan. In einer türkischen Familie und dann der männliche Nachkomme – da wog mein Verzicht auf Fleisch unglaublich schwer. Ich habe es meinen Eltern sowieso nicht immer leicht gemacht. Ich bin bei den Grünen eingetreten. Die kannten sie nicht. Mit den Sozialdemokraten, mit einer konservativen Partei, hätten sie etwas anfangen können. Da gab und gibt es in der Türkei vergleichbare Parteien, aber was sind die Grünen gewesen. Die Männer strickten auf den Parteitagen, die Frauen stillten die Babys; wahrscheinlich nehmen die noch Drogen und so. Das war schon schlimm genug und dann kam ich noch damit an, dass ich nicht in die Armee gehen wollte und ich wollte die deutsche Staatsbürgerschaft und wollte Politik machen und wählen gehen. Obendrein habe ich mich mit 17 entschlossen, kein Fleisch mehr zu essen und zwar gar keines mehr. Das war dann der berühmte Tropfen, der das Fass zum überlaufen brachte und meine Eltern, insbesondere mein Vater, verboten mir das; mit der Konsequenz, dass ich in der Änderungsschneiderei meiner Mutter, wo ich nach der Schule zum Essen hinging, immer eine Plastiktüte in der Hosentasche hatte. Dort habe ich das Fleisch dann schnell rein gewickelt, die Beilagen gegessen und bin gleich wieder raus, um das Fleisch zu entsorgen. Das habe ich über ein halbes Jahr gemacht, mit der Konsequenz, dass ich oft die Hose danach waschen musste, aber, was noch schlimmer war, ich hatte extremste Mangelerscheinungen. Ganz klar, wenn man sich ein halbes Jahr nur von Beilagen ernährt und die Beilagen wirklich nur Beilagen sind, die das Fleisch ergänzen sollen, da kann man sich ja vorstellen wie es mir ging.

Es ging mir überhaupt nicht gut. Irgendwann kam es dann, dass meine Eltern sich halb damit abgefunden hatten und dann kam die Phase, wo sie versucht haben, mir so ein bisschen Fleisch reinzumischen, ohne das ich es merke. Irgendwann war es soweit, das ich dann gesagt habe: Entweder ihr akzeptiert mich als Vegetarier, oder es könnte sein, dass ich eben aus Nahrungsmangel Mal ein ehemaliger Sohn bin. Das war ihnen dann wohl doch zu dramatisch, dass sie dann eben beschlossen haben, es zu akzeptieren.

Meine Mutter war die erste, die gekippt ist; einige Jahre später lebte sie vegetarisch. Mein Vater sagte dann eine zeitlang, er sei der einzige „Normale“ in der Familie, mittlerweile lebt auch er vegetarisch. Meine ganze Familie lebt vegetarisch und inzwischen haben wir in der Gemeinschaft auch schon einen Ruf: Jetzt kommen die Özdemirs, die einzig türkischstämmige Familie weit und breit, die vegetarisch lebt. Vater, Mutter und Sohn. Das ging komischerweise so weiter, das meine Frau auch vegetarisch lebt, ohne das ich sie mir unter diesem Aspekt ausgesucht habe.

Wie entwickelte sich im Zusammenhang mit der vegetarischen Ernährung das ökologische Bewußtsein?

Das kam mit der zunehmenden Politisierung dazu. Ich bin mit Ende 15 bei den Grünen eingetreten und hab damals gelesen, wieviel mehr Menschen man ernähren kann über den direkten Weg des Getreides und wieviel weniger Menschen man ernähren kann, über den Umweg Fleisch – das eben ein zigfaches an Getreide dabei verloren geht, wie auch viele Nährstoffe verloren gehen. Dazu kam die Methangasbelastung, die ja heute beim Klimaschutz eine ganz wichtige Rolle spielt. Das habe ich alles mit 16 und 17 Jahren gelesen und das war dann noch ein zusätzliches Argument für mich, dass ich sagte, so nun ist der Punkt erreicht, ich will kein Doppelleben mehr führen, ich will nicht mehr tricksen. Ich will Vegetarier sein und ich steh dazu. Ich weiß gar nicht, ob ich heute noch vegetarisch leben würde, wenn ich es mir nicht hätte so hart erkämpfen müssen.

Cem Özdemir, vegetarisch und optimistisch

Cem Özdemir gilt als integrative Kraft.

Im Klartext: Isst man ein Stück Fleisch, isst man einem anderen Menschen irgendwo auf der Welt seine Nahrung weg. Wäre es da nicht legitim, mehr Druck auszuüben, damit der Fleischkonsum sinkt?

Also, von Druck halte ich nicht soviel. Ich bin Gegner von schwarzer Pädagogik, ich bin ja auch Erzieher und Sozialpädagoge. Ich glaube, dass es wichtig ist, dass man Menschen informiert, zuvorderst in der Schule, in den pädagogischen Einrichtungen; dazu gehört für mich auch eine gesunde Mahlzeit, eine vollwertige, mit regional angebauten Produkten und wenn überhaupt Fleisch, dann bitteschön aus artgerechter Haltung, von Tieren, die entsprechend biologisch gefüttert wurden. Ansonsten ist es unglaublich wichtig, dass unsere Kinder, die in den Großstädten aufwachsen, auch etwas darüber lernen, wo die Lebensmittel, die sie essen, überhaupt herkommen. Das ist heute ganz und gar nicht mehr selbstverständlich. Wir leben in der Zeit von Fast Food und zum Teil können die Eltern schon gar nicht mehr selber kochen; um so wichtiger ist es, dass man eben in der Schule und das gilt insbesondere auch für die Jungs, auch Mal backt und kocht; das man vielleicht auch Mal eine Woche auf einen landwirtschaftlichen Hof geht und dort selber mit den Händen die Kartoffeln ausbuddelt.

Gibt es da bestimmte Programme?

Einige Schulen machen das, andere leider nicht. Im Prinzip gehört das in jede Schule, aber das setzt auch voraus, dass man Ganztagsschulen hat, damit man überhaupt die Zeit hat, um sich mit solchen Dingen beschäftigen zu können. Ich finde es sehr wichtig, gerade in einer Zeit, wo wir über die Bewahrung der Schöpfung reden, das wir eben auch die praktische Seite davon kennenlernen. Dazu gehört für mich, dass man seine Waldvögel kennt, dazu gehört, dass man mit seiner Schulklasse gemeinsam in den Wald geht usw.. Alles Dinge, die für unsere Kinder oft weit davon entfernt sind, als selbstverständlich zu gelten.

Sind denn unsere Erzieher überhaupt gut genug ausgebildet?

Für solche ökologischen Fragen sicher nicht, weil das in der Erzieherausbildung kaum eine Rolle spielt. Ich glaube, die gesamte Erzieherausbildung muss dringend reformiert werden. Die Erzieherinnen und Erzieher müssen besser vorbereitet werden, auf die Aufgaben, die sie erwarten. Dazu gehört für mich auch eine angemessene Bezahlung und ich würde mir auch mehr männliche Erzieher wünschen, weil ich glaube, dass das sehr wichtig wäre, denn damit könnten wir ein anderes Männerbild in die Kindergärten und damit auch in die Kinder tragen. Das halte ich für dringend, angesichts von vielen Alleinerziehenden, und auch angesichts von Familien, wo zu Hause eher so ein Bild vom Macho-Mann vermittelt wird. Da kann es nicht schaden, wenn man im Kindergarten und in der Grundschule männliche Erzieher und männliche Lehrer hat, die ein bestimmtes Bild vermitteln können und die dann auch Mal ganz gezielt mit den Jungs in die Küche gehen. Mal backen oder Mal kochen – der eine oder andere Junge wird da sicherlich seine Leidenschaft entdecken.

Cem Özdemir, vielen Dank für das Gespräch.

Ich danke.

©Guido Barth
Fotos: Büro „Die Grünen“/Cem Özdemir


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.