Inhaltsstoffe tierlichen Ursprungs? Wer weiß das schon. (Mit „foodwatch“ E-Mail Aktion)

Go vegan!

vegetarisch oder vegan, oder keines von beidem: Eigenlabel geben keine Sicherheit
                                                 Fotocredit: © A. Dudy – Fotolia.com

Die Bundesregierung hat bereits im Januar eine rechtsverbindliche Definition der Begriffe „vegan“ und „vegetarisch“ abgelehnt – zumindest vorerst. Es gibt Vorgaben der EU Lebensmittel-Informations-Verordnung Vorgaben zu einer solchen Definition, zu deren Erfüllung auch die EU-Kommission verpflichtet ist. Allerdings hat sie der Bundesregierung bisher keinen zeitlichen Rahmen gesetzt, bis wann diese eine rechtverbindliche Defintion der Begriffe einführen muss. 

Bundesregierung setzt falsche Prioritäten

Menschen leben aus den verschiedensten Gründen vegetarisch oder vegan und sie sind auf verlässliche Informationen zu den Inhaltsstoffen in Lebensmitteln angewiesen. Die Bundesregierung priorisiert andere Themen und schiebt die Interessen von vegetarisch und vegan lebenden Menschen auf die „lange Bank“. Diese Entscheidung (Begründung der Bundesregierung) wurde von zahlreichen Verbänden bereits mehrfach kritisiert und die Bundesregierung wurde aufgefordert, hierbei endlich umzudenken.

Der Minister für Ernährung und Landwirtschaft bleibt untätig

Der Bundesrat hatte die Bundesregierung auf Antrag Niedersachsens in einem Beschluss vom 20.09.2013 (Beschlusstext) aufgefordert entsprechende Regelungen festzulegen. Dass das vorerst weder im Hinblick auf die EU Lebensmittel-Informations-Verordnung noch auf nationaler Ebene geschehen wird, begründet das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft damit, dass es Verbrauchern schon jetzt möglich sei „sich anhand von Verkehrsbezeichnung und Zutatenverzeichnis über die Zutaten eines Lebensmittels und somit auch über Inhaltsstoffe tierischer Herkunft zu informieren“.

Nicht verbraucherfreundlich

Das sieht Till Strecker, der beim VEBU Leiter für Politik und Internationales ist, ganz anders:  „Die Bundesregierung verkennt die Realitäten in Deutschlands Supermärkten“, sagt Till Strecker, Leiter Politik und Internationales beim VEBU. „Die Pflichtangaben auf Lebensmittelverpackungen sind nicht ausreichend. Verbraucher können vor Ort nicht erkennen, ob ein Produkt mithilfe tierischer Substanzen hergestellt wurde oder nicht. Eine rechtsverbindliche Lösung ist notwendig.“

Sehr unappetitliche Zutaten

Viele Stoffe, die bei der Herstellung von Lebensmitteln verwendet werden, müssen auf der Zutatenliste gar nicht angegeben werden. Dazu gehören auch so unappetitliche Sachen, wie Gelatine, die als z.B. als Produktionshilfsstoff für die Klärung von Fruchtsäften oder von Wein verwendet wird. Es gibt viele weitere Zutaten, die nicht explizit angegeben werden müssen:

  • Enzyme tierischer Herkunft (Schweineborsten), die als Mehlbehandlungsmittel (L-Cystein) eingesetzt werden. Bei einigen Zutaten ist zudem nicht klar, ob sie tierischer oder pflanzlicher Herkunft sind.
  • Aromastoffe, die z.B. Bestandteile von Schwein, Rind, Fisch oder Geflügel enthalten können und beispielsweise in Kartoffelchips eingesetzt werden
  • Zusatzstoffe tierischen Ursprungs, z.B. Farbstoffe
  • Trägerstoffe von Vitaminen, z.B. Gelatine

Wer Inhaltsstoffe tierischen Ursprungs meiden möchte, kann das, anders als die Bundesregierung behauptet, weder anhand der Verkehrsbezeichnung noch anhand der Zutatenliste tun.

„Das ist wirklich ein starkes Stück: Statt die von vielen Verbrauchern gewünschte Transparenz zu schaffen, täuscht ein Verfassungsorgan das andere und stellt die geltende Rechtslage falsch dar. Wer so dreist das Problem der versteckten tierischen Bestandteile leugnet, hat weder Respekt vor den Wünschen abertausender Verbraucher noch vor dem Verfassungsorgan Bundesrat“, erklärte Oliver Huizinga, Experte für Lebensmittelkennzeichnung bei foodwatch. Er forderte, nicht nur die Begriffe „vegan“ und „vegetarisch“ endlich gesetzlich zu definieren, sondern auch eine verpflichtende Kennzeichnung aller Inhalts- und Hilfsstoffe tierischen Ursprungs einzuführen.

Was kann der Verbraucher tun?

Schreiben Sie an den „VEBU“, an die „Vegane Gesellschaft“ oder an „Foodwatch“. Fordern sie die Verbände auf, den Druck auf die Bundesregierung zu erhöhen. Schreiben Sie freundlich an Parteien und Abgeordnete. Thematisieren sie die Forderungen in den sozialen Medien. Es gibt zu dem Thema „bessere Kennzeichnung von Lebensmitteln“ eine „foodwatch“ E-Mail-Aktion an die Bundesregierung. Die wurde bislang von gut 90.000 Bürgern unterzeichnet. Unterzeichne auch: bitte.

Interesse von 8 Millionen Menschen

In Deutschland leben mittlerweile über sieben Millionen Vegetarier, das sind etwa acht Prozent der Bevölkerung, Tendenz steigend. Darunter leben etwa 800.000 Menschen vegan. Das ist keine Minderheit, deren Interessen man mit einem herrschaftlichen Wink einfach beiseite schieben kann. Diese Menschen fühlen sich zu Recht übergangen und sind in Folge der jetzigen Situation oft verunsichert. Denn die aktuelle Praxis der Kennzeichnung verwirrt. Die Unternehmen vergeben fantasievolle Eigenbezeichnungen oder kreieren eigene Label. Die unterliegen aber keinerlei allgemeingültigen Vorschriften. Dass dabei vieles auch bewusst falsch gemacht wird ist augenfällig oder wie kann erklären, dass Produkte, die Fleisch, Geflügel oder auch Fisch enthalten, als „vegetarisch“ gekennzeichnet werden. Dass vieles nicht im Sinne des Verbrauchers ist, zeigen auch die zahlreichen Beschwerden auf dem Portal www.lebensmittelklarheit.de.

Zügig einen zeitlichen Rahmen setzen

Klar ist, dass die Bundesregierung hier nicht tätig werden wird, bevor sie präszise Anweisungen von der EU-Kommission aus Brüssel bekommt, wie die zukünftigen rechtsvorschriften aussehen sollen und vor allem in welchem zeitlichen Rahmen diese erstellt werden müssen. Das die EU-Kommission bisher zögert un dnoch keinen Zeitrahmen festgesetzt hat wird auch vom Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv) kritisiert. „Die Kommission darf das Thema nicht weiter verschleppen und muss der Verunsicherung ein Ende setzen. Wir brauchen klare rechtliche Vorgaben für die Kennzeichnung vegetarischer und veganer Lebensmittel“, sagt Sophie Herr, Leiterin des Teams Lebensmittel beim vzbv.

„V-Label“ und „Veganblume“

Derzeit gibt es für vegetarisch und vegan lebende Menschen als verlässliche Produkt-Label das gelbe V-Label der „European Vegetarian Union“ respektive für Deutschland vom „VEBU“ und die Veganblume der „Vegan Society“. Diese Label finden sich aber eben nur auf Produkten, die vom Produzenten angemeldet und von der jeweiligen unabhängigen Organisation (VEBU, Vegan Society) nach Überprüfung zertifiziert wurden. Bei allen Eigenlabeln von Unternehmen gibt es ohne rechtsverbindliche Vorgaben keine Sicherheit, ob ein Produkt tatsächlich vegetarisch oder vegan ist: auch, wenn es auf der Verpackung drauf steht.

 

Fotocredit: © A. Dudy – Fotolia.com

 


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.