„…dass du auch los rennst, obwohl du genau weißt, dass du eine rein kriegst“

Guido Barth trifft: Johanna Jahnke, Rugby-Spielerin bei St. Pauli (2005)

©Martin Friedland

Johanna lässt mit dem „Ei“ das Gedränge hinter sich                                     ©Martin Friedland

„Damals war ich elf und habe noch mit den Jungen trainiert, das ging, weil die Unterschiede da noch nicht so groß waren“. Irgendwann hatte eine Freundin sie mit zum Rugby-Training bei St. Pauli genommen und damit von einem Tag auf den anderen ihr Leben verändert. „Ich habe seither kaum ein Training verpasst“. Heute (Anfang 2005) ist sie 21 Jahre alt und spielt ihre zehnte Saison – Johanna lebt vegan.

Kurz gesagt, das ist der Anfang des Weges, auf dem die sympathische Sportlerin schließlich zu einer der besten Rugby-Spielerin Deutschlands geworden ist. Star-Allüren? Die sucht man bei der kräftigen Frau vergeblich. Dafür ist sie viel zu ehrgeizig und leidenschaftlich, außerdem, so sagt sie, lebe das Rugbyspiel von der Teamleistung und der Teamgeist im Rugby sei legendär. „Jeder ist gleich wichtig, ich kann ohne die anderen nichts erreichen“. Die anderen – wer ist das? Die anderen, das sind die Frauschaften des Hamburger Bundesliga-Vereins von St. Pauli und die National-Frauschaft. Johanna ist mit St.Pauli zuletzt 2003 deutsche Meisterin geworden und sie hat im Natioalteam einen festen Platz.

Neuseeland: ganz nah am Rugby-Paradies

Noch während ihrer Schulzeit ist sie ein Jahr nach Neuseeland gegangen und hat bei United Kawakawa erste internationale Spiel-Erfahrung gesammelt. „Gerade wenn du jung bist, ist das sehr wichtig“. Bereits nach kurzer Zeit ist sie für die Auswahl-Mannschaft der Nordinsel aufgestellt worden. Sie habe das sehr genossen und sei auch ehrlich ein bisschen stolz gewesen. Ihre Augen leuchten, wenn sie von Neuseeland und ihren Erlebnissen erzählt. „Da ist Rugby Volkssport, da bist du wer“.
Zurück in Deutschland empfindet sie es, gelinde gesagt, dann auch als etwas schade, dass kaum jemand vom Rugby Notiz nimmt. „Selbst wenn du im Trikot und mit blauem Auge in der Bahn sitzen würdest, die Leute würden sonst was denken, nur nicht, dass du vom Rugby kommst“.

Viele Gründe führen zu vegan

Johanna Jahnke lebt vegan. Sie hatte schon einige Jahre vegetarisch gelebt, als sie vor fast fünf Jahren alle tierischen Produkte weggelassen hat. In den ersten drei Wochen sei das etwas schwierig gewesen, „aber seither geht das ganz super“. Das habe vornehmlich ethische Gründe und sie verstehe nicht, dass sich so wenig Menschen gegen Massentierhaltung und die damit verbundene Tierquälerei einsetzten – ganz zu schweigen von den Tierversuchen, fügt sie etwas verständnislos hinzu. Außerdem seien die Folgen der „Fleischproduktion“ für die Umwelt katastrophal. „Es ist viel effizienter, wenn wir das Getreide direkt essen würden, als dass wir ein Vielfaches dessen an die Tiere verfütterten“, kritisiert sie. „Das ist ungerecht, denn wenn mehr Menschen vegetarisch oder sogar vegan leben würden, dann gäbe es weniger Armut und Hunger auf der Welt“.

Ausdauer und vegan, klar. Aber Kraftsport?

„Die Leute sollen auch sehen, Kraftsport und rein pflanzliche Ernährung, das funktioniert“. Im Ausdauersport sei das ja schon eher verbreitet, dabei gäbe es sogar sehr erfolgreiche vegan lebende Gewichtheber und Bodybuilder, auch unter den Frauen. „Natürlich achte ich sehr auf die Qualität meiner Ernährung“, wobei sie aber gar nichts Besonderes esse, betont sie. „Bio-Qualität ist mir wichtig, schon wegen der Gentechnik“. Am liebsten gehe sie gemeinsam mit ihrer Mutter auf dem Markt einkaufen, das sei aber in der letzten Zeit leider seltener geworden. Entweder gingen sie dann ins Reformhaus oder in einen Bioladen. In „ihrem“ Reformhaus gebe es zum Glück viel Obst und Gemüse, „das ist alles in Bio-Qualität“, außerdem seien da die tollen Wheaty-Produkte und natürlich Lopino; manchmal kaufe sie auch das leckere Soja-Eis, bemerkt sie mit einem Lächeln.

Gut leben mit Ehrgeiz

Für Vergnügungen bleibt Johanna Jahnke nur wenig Zeit. „Wenn ich nicht auf dem Spielfeld bin, studiere ich an der Uni Kunst und Mathematik“. Auch dort hat sie sich einen besonderen Status verdient. „Ich habe ein Elite-Stipendium bekommen“. Verdient hat sich Johanna Jahnke das Stipendium mit einem exzellenten Abitur und mit ihrem sozialen Engagement. „Ich unterstütze z.B. Greenpeace und das Rote Kreuz“. „Allein gute Abitur-Noten hätten für das Stipendium nicht gereicht und jetzt im Studium muss ich zu den Besten gehören, sonst werde ich nur bis zum Vordiplom gefördert“.

Noch so ein Rugby-Paradies: Schweden

©Martin Friedland

Klassische Stellung: Gedränge         ©Martin Friedland

Ein neues Kapitel eröffnete sich direkt nach dem Abitur, als die Hamburger Sportlerin für ein „Freies Ökologisches Jahr“ nach Schweden gegangen war. Neben ihrer Arbeit für die Umwelt, hat sie mit sensationellen Leistungen im Rugby bei den „Stockholm Exiles“ geglänzt. „Das war wunderbar, meine bisher beste Zeit“.
Hinzu kommt: nachdem sie schon in Neuseeland fließend Englisch gelernt hatte, spricht sie nun auch sehr gut Schwedisch. „Ich könnte da problemlos studieren“. Es sei eine der schönsten Seiten ihrer Sportart, das man sehr viel lerne, vielen netten Menschen begegne und viel Unterstützung bekomme; sei es bei der Wohnungssuche, bei anderen Alltagsproblemen oder auch bei der Ernährung, die für die vegan lebende Sportlerin ja eine besondere Rolle spielt. „Wenn sich die Leute erst mal an mich gewöhnt haben, ist das gar kein Problem“.

Europameisterschaften in Hamburg

In dieser Saison möchte sie mit St. Pauli wieder Deutscher Meister werden. St. Pauli war zuletzt 2003 Deutscher Meister und zählt auch in diesem Jahr zu den Top-Favoriten.
Ein noch etwas größeres Ziel, das sind in diesem Jahr die Rugby-Europameisterschaften. Die finden im April in Hamburg statt. „Wir spielen vor heimischem Publikum. Das ist schon fantastisch. Gerard Scappini, unser Nationaltrainer, hat uns dafür hervorragend vorbereitet“. Das klingt nach idealen Voraussetzungen für eine gute Platzierung unter den Besten. „Vielleicht ist ja auch mehr drin“, sagt Johanna Jahnke und sie meint, dass sie sicher gegen Italien und Holland gewinnen würden, aber sie würde ihre Frauschaft nicht unbedingt zu den Favoriten zählen. Dabei sieht sie mich mit erfolgshungrigen Augen an und ich merke, dass sie sich insgeheim sehr viel mehr erhofft. „Je besser wir bei dem Turnier abschneiden, je besser ist das für die Popularität des Rugbysports“.

„Kraft ist da unbedingt von Vorteil“

Tatsächlich sind bei vielen Spielen die meisten Zuschauer oft Familien-Mitglieder, Verwandte oder Freunde. Dabei hätte diese traditionsreiche Sportart wirklich mehr Aufmerksamkeit verdient. Wer sich ein Spiel der 15er (15 Spielerinnen in jeder Frauschaft, es gibt auch 7er Frauschaften) von zwei mal 40 Minuten anschaut, merkt sofort, dass der Teamgeist bei dieser Kontaktsportart von herausragender Bedeutung ist. Gerade, wenn sich die beiden Mannschaften in einem „Gedränge“ gegenüberstehen und wild mit den Händen gestikuliert wird und Finger-Zeichen untereinander ausgetauscht werden, oder wenn in einer Gasse geliftet wird. Beim Liften wird das Ei (ovaler Spielball) in eine aus den Spielerinnen beider Frauschaften gebildete Gasse eingeworfen und aus jeder Frauschaft versuchen Spielerinnen eine Mit-Spielerin senkrecht möglichst hoch in die Luft zu stemmen. Die Spielerin, die höher geliftet wird, kann das eingeworfene Ei aus der Luft abfangen. Die eigene Frauschaft ist wieder am „Zug“. Das geschieht alles mit vollem Körpereinsatz. „Kraft ist da unbedingt von Vorteil“. Dazu spornen sich alle Spielerinnen gegenseitig lautstark an.

Sie trägt die Trikot-Nummer 8 und ist Kapitänin

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Perfekt „geliftet“: Johanna Jahnke                                                       ©Martin Friedland

In den Monaten vor der EM hat Johanna Jahnke noch Extra-Stunden trainiert. „Den Winter über bin in ein Fitness-Studio gegangen. Wenn sonst die Saison in vollem Gange ist, ist das unmöglich“. In der Woche seien Mannschaftstrainings, dann müsse sie am Wochenende zu den Spielen ausgeruht sein. An manchen Tagen falle ihr das Aufstehen schon schwer. Gerade nach anstrengenden Bundesliga-Spielen. Sie lacht. „Mir tun dann alle Knochen weh und ich habe schweren Muskelkater“. Als Kapitänin von St. Pauli spielt sie mit der Trikot-Nummer acht. In der zweiten Reihe ist das eine offensive Rolle, wenn die Spielsituation es verlangt, sei sie aber auch in der Verteidigung, erklärt sie.

Fairness und Blessuren, Platz ist für beides

Als Stürmerin wird sie oft „getackelt“ – dabei wird sie, oft in vollem Lauf, von Gegenspielerinnen, die sich springend um ihre Hüfte klammern, zu Fall gebracht. „Das kann schon mal etwas unsanft ausfallen“. Blaue Flecke, Abschürfungen und Prellungen gehörten zum Spiel dazu, resümiert sie. „Irgendetwas hast du immer. Das ist aber kein Problem“. Ernste Verletzungen seien im Rugby äußerst selten. „Fairness bedeutet uns allen wirklich sehr viel“.

Kraft – Ausdauer – Schnellkraft

„Rugby spielen kann jeder, aber du musst für dich klar haben, dass du auch los rennst, obwohl du genau weißt, dass du eine rein kriegst“. Was für sie den Reiz am Rugby ausmacht, frage ich. Das sei die Mischung aus Kraft, Ausdauer und Schnelligkeit, antwortet sie. „Rugby ist unglaublich dynamisch. Du musst deinen Körper geschickt einsetzten. Wenn du dann das Ei hast und vor dir ist niemand mehr, dann rennst du. Und nur wenn du dann auch noch schnell genug bist, kannst du einen ‚Versuch legen’, so einfach ist das“. Einen Versuch legen bedeutet, das Ei im so genannten gegnerischen Malfeld abzulegen. Dafür gibt es fünf Punkte.

Jung und weit gereist

Im vergangenen Jahr war Johanna Jahnke fünf Monate auf Reisen. „Reisen ist meine Leidenschaft. Die lässt sich gut mit dem Rugby verbinden und das hat mir schon viel Auslands-Erfahrung eingebracht. Diesmal war ich in Australien, Neuseeland und Thailand“. Sie sei in der ganzen Zeit bis auf eine Woche, in der sie in einem Hotel übernachtet habe, bei Freunden, die sie über den Rugbysport kennen gelernt hatte, eingeladen gewesen, berichtet sie begeistert.
Wenn sie bei all ihren Verpflichtungen, neben Sport und Studium, dann trotzdem mal zur Ruhe kommt und mit Sicherheit bei ihrem Verein, bei St. Pauli, kein Training verpasst, nimmt sie sich am liebsten ein schönes Buch. „Ich lese gerade die Kinderbücher von Astrid Lindgren – auf Schwedisch“.

 

veggy-post: Archiv-Interview mit Johanna über die vegane Ernährung ihrer Kinder

 

©Guido Barth
Breites Foto Top: Guido Barth
Alle anderen Fotos:© Martin Friedland

 

 

 

 


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