Tierschützer wollen juristisch gegen das „neue“ Säugetiergutachten vorgehen

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Das neue Säugetier-gutachten bringt nur wenig Erfreuliches für die meisten Säugetiere Fotocredit: (c)kwanchaichaiudom – fotolia.com.

Das „neue“ Säugetiergutachten sollte eigentlich die Haltungs- und Lebensbedingungen von Säugetieren, besonders in Zoos, verbessern. Am Mittwoch wurde das Gutachten, das auch für privat gehaltene Tiere gilt, von Bundesagrarminister Christian Schmidt vorgestellt. Hört man sich in Tierschutzkreisen um, wird das Gutachten zwiespältig beurteilt – außer bei den Zoodirektoren, von denen einige an der langjährigen Erstellung des Gutachtens mitgewirkt haben. Beim Deutschen Tierschutzbund spricht von einer „verpassten Chance“.

 

Langwieriger Prozess bis zur endgültigen Vorlage

Bereits vor vier Jahren war eine Änderung des Gutachtens für die Mindestanforderungen an die Haltung von Säugetieren von 1996 vom Bundestag beschlossen worden. Dieser hatte unter Leitung des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) zur Entscheidungsfindung Tierschutz- und Zoo-Verbände und unabhängige Gutachter hinzugezogen.

Eine Arbeitsgruppe hat nun in den letzten drei Jahren das neue Gutachten erstellt. Die Arbeitsgruppe war paritätisch besetzt mit Experten aus betroffenen Bereichen: Vertretern von Tierschutz- und Zooverbänden, unabhängige Wissenschaftler, sowie Sachverständigen der Länder und des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit. Das BMEL stellt heraus, dass es sich nicht um eine Aktualisierung des Gutachtens von 1996 handele, sondern es seien neben strengeren Vorgaben auch erstmals in einem eigenen Kapitel allgemeine Anforderungen an Haltung, Pflege und an das Tierbestandsmanagement formuliert worden.

Regelungen zur Delfinhaltung unzulänglich

Das Wal- und Delfinschutz-Forum (WDSF) hatte ursprünglich die SPD-Politikerin Mechthild Rawert im Jahr 2008 insbesondere zur Delfinhaltung um eine entsprechende Beschlussempfehlungsvorlage im Bundestag gebeten. Seinerzeit waren Anträge von Bündnis90/Die Grünen zur Beendigung der Delfinhaltung mehrfach an den Mehrheitsverhältnissen der Regierungsparteien im Bundestag gescheitert.

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Mechthild Rawert, MdB für tempelhof-Schöneberg                                                 . Quelle: www.mechthild-rawert.de

Rawert war in ihrer Stellungnahme zum Änderungsbeschluss des
Säugetiergutachtens ursprünglich davon ausgegangen, dass insbesondere die Haltungsbedingungen für Delfine „massiv zu verbessern sind oder es sogar zu einem generellen Auslaufen der Gefangenschaftshaltung von Delfinen kommen muss“. Ebenso sollte das Thema Delfintherapie in den
Neuentwurf des Säugetiergutachtens einfließen. Das ist beides nicht geschehen, die wissenschaftlich und medizinisch nicht anerkannte Delfintheraphie wird in dem neuen Gutachten überhaupt nicht reglementiert.

Vorbehalte beim Neuentwurf

Angepasst wurden die Haltungsbedingungen der Kleinsäuger, Affen, Elefanten und der Meeressäuger mit Delfinen und Eisbären. Während der Überarbeitungsphase sorgten die Änderungsanträge der Tierschutz-Verbände bereits für Zündstoff. 14 beteiligte deutsche Tier – und Naturschutzverbände hatten Vorbehalte beim Neuentwurf, weil nicht überall Mindeststandards nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen bei der Tierhaltung berücksichtigt worden wären. Das Wal- und Delfinschutz-Forum (WDSF) distanzierte sich zur Delfinhaltung ausdrücklich von dem Gutachten.

Das WDSF kritisiert insbesondere, dass sich bei der Delfinhaltung nichts Wesentliches geändert hätte. WDSF-Geschäftsführer Jürgen Ortmüller: „Die Haltungsbedingungen der 18 Delfine, die noch in den Zoos von Duisburg und Nürnberg gehalten werden, wurden lediglich an die vorhandenen Gegebenheiten angepasst. Dies ist ein eindeutiger Verstoß gegen die Empfehlung des Europarats demnach sich nicht der Bedarf der Tiere an die vorhandenen Haltungsbedingungen anzupassen hat, sondern die Haltungsbedingungen müssen sich am verhaltensgerechten Bedarf der Tiere orientieren.“

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Valium auch während der Schwangerschaft

Die fortlaufende Verabreichung von Psychopharmaka und Antibiotika
stelle einen Eingriff in das Sozialverhalten der Zoo-Tiere und damit
einen Verstoß gegen das Tierschutzgesetz dar, so das WDSF. Da die
Tierschutztransportverordnung den Einsatz von Beruhigungsmitteln
lediglich beim Tiertransport erlaubt, sei im Umkehrschluss die
fortlaufende Verabreichung von Valium und ähnlichen Medikamenten
unzulässig. Im neuen Säugetiergutachten stehe davon kein Wort, sagt
Ortmüller. Das WDSF hat aufgrund einer Akteneinsicht im Nürnberger Tiergarten eine fachbiologische Analyse mit Aufzählung der Verabreichung von Psychopharmaka auf seiner Homepage veröffentlicht. Dabei ergeben sich Spitzenwerte von 4100 mg Diazepam (Valium) innerhalb von neun Monaten für einen einzelnen Delfine. Selbst bei Schwangerschaften sei das potentielle Suchtmittel eingesetzt worden, schreibt die Biologin des WDSF.

Artgerechte Haltung gibt es nicht

Bei der Gehegemindestanforderung waren bisher für zehn Delfine, die jetzt in Nürnberg gehalten werden, 775 m2 vorgesehen. Im neuen Säugetiergutachten beträgt die Mindestanforderung 975 m2 für zehn Delfine. WDSF-Chef Ortmüller: „Selbst wenn die tatsächliche Fläche in Delfinarien etwas größer ist als die Mindestanforderungen es nun reglementieren, grenzt diese kleine Betonkäfighaltung an Tierquälerei. Sogar residente Delfine in freier Wildbahn in der Sarasota Bay in Florida, aus der angeblich die Wildfänge im Duisburger Zoo stammen, verfügen über 125 Quadratkilometer Freiraum. Das neue Säugetiergutachten ist eine Farce mit der sich die Zoo-Lobby zum Leidwesen der Tiere durchgesetzt hat. Wir werden juristisch gegen die Richtlinie vorgehen, da neueste wissenschaftliche Erkenntnisse, die wir dem BMEL vorgelegt hatten, keinen Zugang gefunden haben.“

Internationale Mindeststandards werden nicht erreicht

Beim Deutschen Tierschutzbund spricht von einer „verpassten Chance“, weil trotz des langwierigen und aufwändigen Überarbeitungsprozesses insgesamt die Chance auf ein umfassend modernes und dem Tierschutzgesetz entsprechendes Regelwerk verpasst wurde. „Viele wissenschaftlich fundierte und wesentliche Empfehlungen der Tierschutzsachverständigen, externer Experten und erfahrener Tierhalter sowie wichtige Anregungen einiger Bundesländer blieben unberücksichtigt. In der Folge bleibt das vorliegende Gutachten bei vielen Tiergruppen auch deutlich hinter international anerkannten Mindesthaltungsstandards zurück“, urteilt James Brückner, der als Sachverständiger an der Überarbeitung beteiligt war.

Überhaupt hätten die Sachverständigen der Tierschutzseite – neben James Brückner (Deutscher Tierschutzbund e.V.) auch Torsten Schmidt (Bund gegen Missbrauch der Tiere e.V.) und Laura Zimprich (animal public e.V.) – das Gutachten nur unter Verweis auf ein entsprechend ausführliches Differenzprotokoll unterzeichnet.

„Das neue Gutachten bringt sicherlich einige Verbesserungen. Dies kann jedoch nicht darüber hinweg täuschen, dass der Tierschutz bei vielen Tierarten den wirtschaftlichen Interessen der Zoovertreter geopfert wurde“, fasst Laura Zimprich (animal public e.V.) das Ergebnis aus ihrer Sicht zusammen. Torsten Schmidt (Bund gegen Missbrauch der Tiere e.V.) ergänzt: „Mit den zugrunde gelegten neuen Haltungsanforderungen ist für bestimmte Tierarten keine verhaltensgerechte Unterbringung möglich.“

Intransparenz und „selektive Datenherausgabe“

Exemplarisch kann die Nichtbeachtung wissenschaftlicher Standards anhand des Kapitels über Delfine verdeutlicht werden. Einerseits wurden wichtige Statistiken zur Delfinzucht in Europa von den Zooverbänden unter Verschluss gehalten. Dagegen stellten sich selektiv zur Verfügung gestellte Daten der Zoos als fehlerhaft und irreführend heraus. Der von der Tierschutzseite hinzugezogene Meeresbiologe und Verhaltensforscher Dr. Karsten Brensing erklärt ernüchtert: „Das vorgelegte Gutachten zementiert eine Haltung, in der Delfine mittels Psychopharmaka und Hormonen an völlig unzureichende Haltungsbedingungen angepasst werden. Das Delfinkapitel bringt somit keine Verbesserungen für die Tiere in deutschen Zoos und ist auch fachlich inakzeptabel.“

Nicole Maisch, Sprecherin für Tierschutzpolitik der Grünen

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Nicole Maisch, Sprecherin der Tierschutzpolitik der Grünen.                                               Fotocredit: (c) Stefan-Kaminski

Zur Vorstellung des Säugetiergutachtens zur Haltung von Tieren in Zoos und Tiergärten erklärt Nicole Maisch, Sprecherin für Tierschutzpolitik der Grünen:

„Die Überarbeitung des Säugetiergutachtens war lange überfällig. Die bisherigen Regelungen sind antiquiert und entsprechen nicht den aktuellen Anforderungen an die Haltung von Tieren. Dafür dass der Erarbeitungsprozess des neuen Gutachtens so lange gedauert hat, ist dieses aber enttäuschend. In seinen Anforderungen bleibt es bei vielen Tierarten hinter den Regelungen anderer EU-Staaten und international anerkannter Standards zurück. Die Begründung, dass eine artgerechtere Haltung mancher Tierarten wirtschaftlich nicht machbar sei, ist nicht tragbar. Wenn dem so ist, können diese Tierarten in den entsprechenden Zoos nicht gehalten werden. Es muss nicht in jedem Zoo Elefanten, Krokodile oder Giraffen geben, wenn diese dort unter nicht artgemäßen Haltungsbedingungen leiden müssen. Über Tierschutz darf nicht nach Kassenlage entschieden werden. Auch die Haltung von Delfinen ist in Deutschland tiergerecht nicht möglich – daran ändern leider auch die überarbeiteten Vorgaben des neuen Säugetiergutachtens nichts. Tierschutz ist in Deutschland seit 2002 als Staatsziel im Grundgesetz. Dem muss Bundesminister Schmidt endlich Rechnung tragen.“

Download des Gutachtens

Das Gutachten über die Mindestanforderungen an die Haltung von Säugetieren vom 07. Mai 2014 kann hier als PDF (Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft) heruntergeladen werden.

 

Fotocredit Tierbild oben: © kwanchaichaiudom – Fotolia.com
Fotocredit Mechthild Rawert, MdB: Quelle, www.mechthild-rawert.de
Fotocredit Nicole Maisch: Fotocredit: (c) Stefan-Kaminski

 

 

 


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