Helmut F. Kaplan: „Vegan soll keine Religion sein“ – eine Rezension

Kaplan_vegan soll keine religion seinHelmut F. Kaplan ist Autor, Philosoph und Pionier der Tierrechtsbewegung. Er hat in der Vergangenheit zahlreiche Bücher zu diesem Thema veröffentlicht.

Neu bei Helmut Kaplan ist in jedem Fall, dass er sich zu Beginn seines neuen Buches ausführlich darüber aussläßt, wie man sich vernünftigerweise über im Grunde doch sachliche Themen auf seiner Facebook-Seite austauschen möge. Das ist einerseits natürlich verständlich, dass er nicht auf seiner Facebook Seite beschimpft werden möchte, andererseits: taugt das als Einleitung oder Einstieg in ein Buch?

Das gerade im Bereich der Ernährung, im Besonderen auch bei vegan, dem zur emotionalen Belegung auch ethisch-moralische Aspekte inherent sind, Diskussionen schnell polemisch werden, ist unter uns Menschen erfahrungsgemäß zu erwarten. Darüber braucht niemand viele Seiten eines Buches zu vergeuden, eines Buches das es auf ca. 160 Seiten bringt.

Werdet endlich praktisch

Wer die Bücher von Helmut Kaplan kennt, der wird in diesem Buch keine neuen Erkenntnisse finden. Tierrechte, Tierethik, deren Grundlagen und Werte, Speziesismus: das erklärt uns der Autor leicht verständlich und gut nachvollziehbar. An wen aber richtet sich das Buch? An langjährige VeganerInnen? – denen endlich ein Licht aufgehen soll, oder bei denen der religiöse Heiligenschein erlöschen soll? Unter dem Motto: „Werdet endlich praktisch, vergesst die Realität nicht“? Wie gesagt, wer sich länger mit „veganen“ Themen beschäftigt hat, wird keinen großen Erkenntnisgewinn aus diesem Buch ziehen. Ethisch-moralisch motivierten Neu-VeganerInnen könnten Teile des Buches als kurze praktische Einführung in das Thema dienen. Die brauchen aber keine Belehrung über Netiquette und vor allem brauchen sie keinen Verriss der veganen „Szene“, bzw. einer eigentlich nur noch kleinen Minderheit in dieser Szene: den Religions-VeganerInnen.

Erst vegetarisch – vegan kommt von selbst

Mich wundert, dass Herr Kaplan soviel Energie aufwendet, diese Gruppe zu kritisieren und meint, dass sie der Bewegung eher schadeten, wenn sie z.B. von Fleischessern fordern würden, oder das zumindest so suggerieren würden, dass man am besten gleich vegan werden müsste – ohne irgendwelche Zwischenstufen. Herr Kaplan meint, es würde dazu führen, dass Menschen eher beim Fleischessen bleiben würden, als sich dem Vegetarischen zu zuwenden. Es würden also potentielle VegetarierInnen verloren gehen, wenn man zu sehr vegan propagiert, weil diese Menschen einen solchen Schritt einfach als zu groß empfinden würden. Man solle stattdessen versuchen, Menschen zum Vegetarischen zu bewegen. Wenn das Erfolg hätte, würden sich diese Menschen von selbst mit den ethisch-moralischen Aspekten einer pflanzlichen Lebensweise beschäftigen und auch ganz von allein zum veganen Lifestyle „konvertieren“.

Vegan ist Lifestyle

Das Buch „Vegan soll keine Religion sein“ ist eine Beschreibung einer Bewegung. Der veganen, wie sie es aber meiner Meinung nach so schon gar nicht mehr gibt. Das, was in dem Buch isoliert wird, wirkt wie eine frustrierte Auseinandersetzung mit der immer noch zu wenig „schlagkräftigen“ Tierrechtsbewegung – oder mit der eigenen Vergangenheit, als nämlich jeder, der lange vegan lebt, sich bis vor wenigen Jahren 24/7 dafür rechtfertigen musste und dies auch heute noch häufig muss. Herr Kaplan hat das sicher selber über Jahrzehnte praktizieren müssen. Es gibt aber heute eine, wenn auch insgesamt kleine, so doch eine schnell wachsende und sehr lebendige vegane Lifestyle-Bewegung. Tierrechte sind darin sozusagen Teil des Genusses, des Lifestyles. Und das Wichtigste ist, um diese Gruppe ist ein veritabler Markt entstanden, ein Markt mit veganen Restaurants, Supermärkten, Online-Händlern, vielen Produkten, Kultur und sozialen Miteinanders. Dieser Markt ernährt schon heute viele Menschen. Das Geld kreist hier also von einer veganen Hand in die nächste.

Ich denke, es wäre sinnvoller sich mehr mit dieser Gruppe zu beschäftigen. Denn je solider das Wertefundament dieser Gruppe ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass es sich hier nicht nur um eine kurze Episode handelt, sondern Denk- und Handlungsweisen langfristig neu gelernt werden.

Fleisch bringt „gutes“ Geld

Meine Erfahrung ist es, dass jemand nur vegetarisch oder vegan wird, wenn das soziale Umfeld dies auch zuläßt und das wird umso einfacher, um so leichter sich der Fleichverzehr mit pflanzlichen Genuss substituieren läßt. Wenn sich Menschen dann auf der „richtigen“ Seite wiederfinden, sich als affin oder sogar schon also bereits vegetarisch oder vegan bezeichnen, werden sie offener, um sich mit einem Wertekanon auseinanderzusetzen, der ja an ihrer eigenen Fleischesser-Vergangenheit (ihrem bisherigen Selbstverständnis und ihrem Verständnis der Welt) kein gutes Haar läßt. Es geht also bei der ganzen Sache um einen Identitätswandel. Wer hat das nötig, zumal, wenn eigentlich alles gut läuft und Fleisch essen nicht negativ sanktioniert wird. Mit Fleisch (hier auch synonym für Ausbeutung) läßt sich heute leider immer noch viel leichter Geld verdienen als mit Tofu.

Tierrechte sind keine Kleinigkeit

Dass es auf Facebook leicht ist, jemanden persönlich zu beleidigen, ist bekannt. Cybermobbing ist populär und auch zum Teil anonym. Herr Kaplan hat schon Recht, wenn er anmahnt, dass auch dort die Kommentare reflektiert und respektvoll sein sollten. Herr Kaplan hat sich sehr um die Themen vegan und Tierrechte verdient gemacht das Thema Tierrechte ist keine Kleinigkeit – deswegen sollten wir nicht mit „leichfertigen“ Kommentaren um uns werfen.

Ich werde also dieses Buch neben die vielen anderen themenverwandten Bücher in das Regal stellen und werde mir auch das nächste Buch von Helmut Kaplan kaufen.

Guido Barth

Helmut F. Kaplan: Vegan soll keine Religion sein

  • Taschenbuch: 160 Seiten
    Verlag: Books on Demand; Auflage: 1, Dezember 2013
    Sprache: Deutsch
    ISBN-10: 3732287602
    ISBN-13: 978-3732287604

Buch auf Amazon

 


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.