Kurt Kretschmann: „Der hat mich fassungslos angeguckt“

Porträt: Kurt Kretschmann (1914-2007, davon über 75 Jahre vegetarisch)

fast 80 Jahre vegetarisch

Kurt Kretschmann, 1914-2007

Kurt Kretschmann, Pazifist, Naturschützer, Biogärtner und Ehrenbürger von Bad Freienwalde (Oder) hat am 02.März 2004 seinen 90. Geburtstag gefeiert. Er gilt als Nestor des Naturschutzes in Ostdeutschland, erhielt 1993 den Europäischen Umweltpreis und entwickelte schon vor 50 Jahren das heute bundesweit gültige Naturschutzschild, mit dem Naturschutzgebiete beschildert werden. Guido Barth

Kurt Kretschmann:
„Der Westen hatte bis kurz nach der Wende den Seeadler als Abbildung. Jetzt tragen alle Schilder einheitlich unsere Schwarzohreule.“

Damals wehte ein anderer Wind

„Der hat mich fassungslos angeguckt“, sagt Kurt Kretschmann über einen Soldaten bei einer Essensausgabe. Dem hatte er das Essen zurückgebracht und erklärte ihm: „Da ist Fleisch drin, das kann ich nicht essen, ich bin aus ethischen Gründen Vegetarier“.  Das war in den dreißiger Jahren. Kurt Kretschmann ist immer noch Vegetarier. Mit übergeschlagenem Bein sitzt der 90-jährige an seinem Geburtstag im Wohnzimmer seiner Wohnung in Bad Freienwalde (Oder). Das graue Haar ist sauber nach hinten gekämmt. Über einem feinen, gestreiften Hemd trägt er einen eleganten Pullover. Seine Hände liegen ruhig auf seinen Oberschenkeln.

Gerne spricht „Kurt“, wie er von den meisten genannt über seine Frau „Erna“, die vor drei Jahren im 90. Lebensjahr starb. „Seit wir uns kennengelernt haben, lebte Erna auch vegetarisch. In den 63 gemeinsamen Jahren waren wir beide genau zweimal je eine Woche lang krank“. Er lacht aus der tiefen Überzeugung, dass sie etwas richtig gemacht hatten. Dabei rückt er seinen Stuhl näher an den Tisch und richtet sich auf. „Auch deswegen werde ich bis an mein Lebensende den VEBU (Vegetarierbund Deutschland) unterstützen“. „Kurt“ verfasst regelmäßig Artikel zum vegetarischen Leben und kommt darin häufig auf den Patron des friedfertigen Widerstands Gandhi zu sprechen. „Vegetarisch leben hat ganz viel mit Frieden zu tun“.

Lebenslanges Engagement von Kurt Kretschmann

90. Geburtstag mit Gratulanten u.a.: Bundesumweltminister Jürgen Trittin und NABU Präsident Olaf Tschimpke

Zu seinem Geburtstag ist der Jubilar Ehrenmitglied des VEBU geworden. Kurt Kretschmann könnte mit den oft unglaublichen Geschichten aus seinem Leben ganze Bände füllen. Dabei kommt er immer auf seine Liebe zur Bewegung zurück und er wird nicht müde zu betonen, wie wichtig Bewegung für die Gesundheit sei und wie sehr das über die Generationen unterschätzt würde. „Auch heute noch, wo wir alle immer so modern sein wollen“ wundert er sich. „Ich bin jeden Tag zehn Kilometer gelaufen. Nicht für Rekorde, sondern aus Lebensfreude“, betont er. Dass er mit nun 90 Jahren immer noch fit ist, hat seiner Meinung nach noch eine weiteren ganz bedeutenden Grund. „Ich bin überzeugt, dass ich heute nicht hier sitzen würde, wenn ich damals nicht Vegetarier geworden wäre. Es ist dabei auch entscheidend, dass die Nahrung natürlich gewachsen ist und nur wenig weiterverarbeitet wird“. Kurt Kretschmann hat sich lebenslang für die Natur begeistert und sich für die Natur engagiert. Wir müssen uns der Natur anpassen, sie bestimmt den Rythmus. Alles Künstliche hat meistens einen schlechten Einfluss“. Das sagt er in einem Ton, der einen erahnen lässt, wieweit Ignoranz in der heutigen Gesellschaft verbreitet ist.

Vegetarisch lebender Naturschutz-Pionier im Osten

Neun Wochen vor Ende des Zweiten Weltkriegs ist Kurt Kretschmann desertiert. Dieses Thema löst bei ihm sofort eine körperliche Reaktion aus. Plötzlich sitzt er angespannt in seinem Stuhl. Die Augen sind weit geöffnet und er blickt aus dem Fenster. „Diese neun Wochen, sehr lange Wochen, von Februar bis Mai, habe ich in einem zwei Meter langen und einen Meter breiten und tiefen Loch gelegen“. Das Loch hatte er mühsam unter einer Gartenlaube ausgehoben. 23 Stunden am Tag war er in dem Loch gefangen. Nur eine Stunde lang, irgendwann nach Mitternacht traute er sich raus. Selbst das war manchmal zu riskant. Alle 14 Tage hat ihn seine Frau „Erna“ mit Kerzen und Nahrungsmitteln versorgt. „Ohne Erna wäre das unmöglich gewesen. Sie hat ihr Leben für mich auf’s Spiel gesetzt“.

Das Haus der Naturpflege ist heute ein Museum

Haus der Naturpflege in Bad Freienwalde

Das Haus der Naturpflege in Bad Freienwalde

Nach dem Krieg hat Kurt Kretschmann den Naturschutz in der DDR aufgebaut. Zuerst ehrenamtlich im Kreis Ober-Barnim, dann überregional und schließlich landesweit. „Wenn du ein klares Ziel hast, kannst du unglaublich viel schaffen“. Am Müritzsee entsteht unter seinen Händen der Müritzhof. Viele zehntausend Menschen wurden dort im Natur- und Umweltschutz ausgebildet. „Wir hatten unser ganzes Leben viele Menschen um uns herum“ freut er sich, „heute ist es mir manchmal zu ruhig“. In den fast 40 Jahren in Bad Freienwalde haben die Kretschmanns ihr eigenes Haus zum „Haus der Naturpflege“ ausgebaut. Das ist jetzt ein Museum. „Dort ist unser Lebenswerk dokumentiert“.
Der Bio-Mulch-Garten direkt hinterm Haus ist ein richtiger Lehrgarten. „Wir haben hier auf jedem Quadratmeter tausende Makrolebewesen. Regenwürmer, Asseln, Vielfüssler und Käfer“. Konventionell bestellte Böden seien dagegen tot“. All diese Engagement hat die Stadt Bad Freienwalde 1999 gewürdigt und „Erna und Kurt“, wie sie weithin bekannt waren zu Ehrenbürgern ernannt.

Mulch total – das Standardwerk für den biologischen Gartenbau

Seit 1991 ist Kurt Kretschmann Ehrenpräsident des NABU (Naturschutzbund). Mit den Fingern trommelt er auf den Tisch, so als müsse mal wieder etwas passieren. Er deutet dabei neben sich auf einen Aktenordner. „Das ist eine Auswahl von Artikeln zum Thema Mulchen“. Insgesamt hat er über 2 000 Artikel verfasst. Sie werden in die Neuauflage meines Buches ‚Mulch total’ übernommen.“ Nocheinmal tippt er mit dem Zeigefinger im Stakkato auf einen Ordner. „Für die Zukunft der Welternährung ist das eine wichtige Sache, denn nur gesunde Böden können langfristig genug und gute Nahrungsmittel hervorbringen. Davon bin ich überzeugt. Wir praktizieren das hier und ernten damit überdurchschnittlich viel“. Natürlich sei alles in Bio-Qualität, fügt gleichmütig hinzu. So, als sollte das längst überall selbstverständlich sein. Kurt Kretschman ist die Herausforderung anzumerken, die sein Mulch-Garten – „der Garten der Zukunft“ – ihm bietet. Er ist  begeistert und wirkt noch lebendiger, als er ohnehin schon ist, wenn er darüber spricht. Inzwischen wird das Projekt wissenschaftlich begleitet. „Das hat alles viel Mühe gekostet“. Er wolle mal sehen, wie viel Zeit ihm hier noch bleibe, bedeutet er mit einem lebensfrohen und humorvollen Lächeln. Auch, wenn ihm seine Frau Erna, doch sehr sehr fehle. „Da will ich noch einiges schaffen“. Neben vielen Wissenschaftlern aus aller Welt interessieren sich endlich auch hochrangige Politiker für seine Arbeit. Viele von Ihnen, wie auch Bundesumweltminister Jürgen Trittin, waren am 2. März 2004 zum Gratulieren in Bad Freienwalde.

 

Fotos: Ingo Seubert, Berlin

Interview mit Kurt Kretschmann hier auf veggy-post.de