“Kretschmann, in drei Tagen fressen sie mir aus der Hand“

75 Jahre vegetarisch

Kurt Kretschmann: Mission Naturschutz

Guido Barth trifft: Kurt Kretschmann (2004)

Kurt Kretschmann, Pazifist, Naturschützer, Biogärtner erzählt in diesem Interview von seinen Kriegserlebnissen als Pazifist. Er hat immer wieder provoziert und dabei oft sein Leben aufs Spiel gesetzt. Später ist er in der DDR als Natürschützer zur Legende geworden.

Du bist 1929 vegetarisch geworden. Wie war das damals?

Ich habe im Prenzlauer Berg gewohnt. Dort gab es ein Reformhaus mit einem Schaufenster voller frischer Früchte. Oft bin ich daran vorbeigegangen, zum Kaufen waren wir zu arm. Erst nachdem mich meine Oma aufgenommen hatte, gingen wir einmal in der Woche in das Reformhaus. Wir kauften jedes Mal ein Pfund Spar-Margarine und ein Pfund Sauerkraut. Das war vorzüglich versetzt mit Wachholderbeeren. Wer im Reformhaus einkaufte, konnte kostenlos die Reform Rundschau mitnehmen. Die Beiträge darin fand ich hervorragend geschrieben und sie wurden die Grundlage, auf der ich mich dann zur vegetarischen Lebensweise entschied.

Das Nahrungsangebot war ja nun zu der Zeit knapp. Was gab es da für Dich?

Brot, Kartoffeln, Getreide und Gemüse – später auch Honig. Mein bester Freund war Imker.

War Deine Frau Erna schon vegetarisch, als Du sie kennengelernt hast?

Nein, aber sie ist dann gleich vegetarisch geworden. Wenn Du mich jetzt fragst, was mir als erstes für Vorteile dieser Lebensweise einfallen, sage ich Dir eines: In den 63 Jahren, die meine Frau und ich gemeinsam verbracht haben, ist sie insgesamt zwei Wochen lang krank gewesen.

Irgendwann kam ja Hitler. Wie hast Du die Machtübernahme 1933 erlebt?

Ich habe bei einem Juden in einer Schneiderei gearbeitet. Eines Tages kamen Leute von der SA. Die haben dem Juden gesagt, wir müssten jetzt Uniformen für Hitlers Soldaten anfertigen. Ich wollte das nicht und habe sofort gekündigt, obwohl die Zeiten wirklich schlecht waren. Ich habe Berlin verlassen und bin zu meinem Freund in eine Wald-Hütte nahe Berlin gezogen. Im Garten haben wir alle möglichen Sachen selbst angebaut und uns mit Gelegenheitsarbeiten etwas dazuverdient.

Was hat sich sonst für Dich verändert?

Hitler baute rasant die Wehrmacht auf. So kam es, dass nach zwei Jahren unsere idyllische Ruhe plötzlich gestört wurde. 1935 wurde mein Jahrgang zum Wehrdienst einberufen. Ich trug schon damals ein Anti-Kriegszeichen an meiner Kleidung. Das war ein von zwei Händen gehaltenes und durchgebrochenes Gewehr. Ich war Pazifist und wollte nicht zum Militär. Inzwischen hatte ich auch viel gelesen. Am meisten beeindruckt hatte mich Gandhi. Das hatte meine ganze Denkweise beeinflusst. Wie Gandhi habe ich gefastet. Bei der ärztlichen Untersuchung war ich sehr aufgeregt und etwas geschwächt. Wir mussten dort zehn Kniebeugen machen. Nach der dritten bin ich umgefallen. Prompt hat der Arzt mich ein Jahr zurück gestellt.

fast 80 Jahre vegetarisch

Kurt Kretschmann erzählt von Erlebnissen aus einer „anderen“ Zeit

Wie war das dann ein Jahr später?

Da wurden wir überhaupt nicht mehr untersucht, sondern gleich zugeteilt.

Was hast Du dann getan?

Ich habe noch dreimal schriftlich versucht von der Wehrpflicht befreit zu werden. Aber es hat nichts genutzt. Ich habe trotzdem weiter gegen den Militarismus gekämpft. Beim Militär hat es gleich in der ersten Woche sehr viel Fleisch zu essen gegeben. Ich bin mit meinem Teller zum Unteroffizier gegangen und habe ihm gesagt, „ich kann das nicht essen, ich bin aus ethischen Gründen Vegetarier“. Dem wären fast die Augen rausgefallen. Tags drauf ging ein Feldwebel vor der angetretenen Mannschaft auf dem Kasernenhof vorbei. Er blieb bei mir stehen und sagte grimmig: “Kretschmann, in drei Tagen fressen sie mir aus der Hand“. Ich antwortete so laut, dass es die ganze Truppe hören konnte, „Aus der Hand fressen Tiere, nicht Deutsche“.

War das nicht sehr gefährlich?

Doch natürlich. Aber das war ja mein Kampf als Vegetarier. Ich wurde mehrfach gewarnt, dass sie mir mein Verhalten als Versuch ausgelegen würden, die Wehrpflicht zu umgehen. Darauf stand mehrere Jahre Zuchthaus. Schließlich wurde ich aber nach fünf Monaten ausgemustert. Ein Psychiater attestierte mir „einen für den Geist der Truppe schädlichen Einfluss“. Das nicht mehr passiert ist, hat sicher damit zu tun, dass ich ein ausgezeichneter Sportler war. Ich war damals als Langstreckenläufer sehr trainiert. Im 3000m Lauf habe ich die Mannschaft locker überrundet. Die Offiziere wollten mich dann unbedingt zu den Bataillons-Meisterschaften schicken. Ich antwortete ihnen, dass ich aus Lebensfreude laufe und nicht für Rekorde. Deswegen seien Meisterschaften nichts für mich. Da haben sie schon ein bisschen Respekt bekommen

Schließlich wurdest Du aber doch wieder eingezogen und nach Russland geschickt. Erzähl bitte etwas zu Deinen Erlebnissen?

Ich war zwei Jahre Krankenträger an der russischen Front in der Hauptkampflinie. Insgesamt habe ich unvorstellbar grauenvolle Sachen gesehen. Meine Kompanie wurde 15 Mal „aufgefüllt“. Insgesamt 800 Mann. Überlebt hat vielleicht ein Dutzend. Ich selbst war wegen einer vermeintlichen Desertion zum Tode verurteilt. Eine Stunde vor meiner angesetzten Exekution ist meine Truppe von der russischen Armee angegriffen worden. In wenigen Sekunden schlugen so viele Granaten ein, dass ich als einziger von der 20 Mann starken Gruppe unverletzt überlebt habe. Ein anderer Soldat wurde schwer verletzt. Diesen habe ich dann auf einer Holzbahre in das nächste Lazarett geschleppt. AlIe anderen waren Tod.

Du bist zum Kriegsende dann tatsächlich desertiert. Wann genau war das?

Das war im Februar 1945. Ich hatte mir während eines Urlaubs unter der Hütte eines Freundes ein Loch gegraben. Das Loch maß zwei Meter mal 1,0 Meter und war 0,8 Meter tief. Darin habe bei bis zu Minus zehn Grad neun Wochen gelegen. Nachts traute ich mich für eine halbe Stunde heraus und machte Gymnastik. Vier Stunden am Tag hatte ich Kerzenlicht. Alle vierzehn Tage ist meine Frau gekommen und hat mich mit neuen Kerzen und neuen Lebensmitteln versorgt. Es wurde zusehends gefährlicher. In der Umgebung lagerten immer mehr deutsche Soldaten auf dem Rückzug. Ich hab mich dann den Soldaten der Roten Armee ergeben.

Wie lange warst Du in Gefangenschaft?

Ich bin schon nach vier Monaten nach Hause zurückgekommen. Wahrscheinlich haben mir die Soldaten geglaubt, als ich ihnen sagte, ich sei Kommunist. 

Das Haus der Naturpflege ist heute ein Museum

Haus der Naturpflege in Bad Freienwalde

Du bist  dann nach Bad Freienwalde gegangen, wo Du auch heute noch lebst und hast mit  Deiner Frau ein Blockhaus gebaut. Hattet ihr damals konkrete Pläne für die Zukunft?

Wir hatten uns überlegt, dass es sehr schwierig ist für den Vegetarismus zu arbeiten. Wir haben uns deswegen für den Naturschutz entschlossen. Natürlich sind wir Vegetarier geblieben. Aus dem Blockhaus ist nach und nach das Haus der Naturpflege geworden. Es dient als Seminarhaus und beherbergt mittlerweile auch ein Museum für unser Lebenswerk.

Du hast in der DDR richtig Karriere gemacht?

Ja, das hat sich entwickelt. Ich war zuerst Beauftragter für Naturschutz für den Kreis Ober-Barnim. Später bin ich dann Landesbeauftragter geworden.  Meine Frau selbst hat sich auch sehr viel in der Politik engagiert. Vor allem hat sie mir immer die Kraft gegeben, die nötig war, um wirklich etwas zu erreichen. Wir haben gemeinsam den Müritzhof aufgebaut. Das wurde ein landesweit bekanntes Seminar-Zentrum für den Naturschutz. Wir haben dort tausende von Menschen ausgebildet. Es war eine wunderbare Zeit, wie meine ganze Ehe eine wunderbare Zeit gewesen war. Meine Frau und ich, wir haben die ganze Zeit über die vegetarische Lebensweise sehr gepflegt. Ich bin davon überzeugt, dass ich nur deswegen noch am Leben bin.

Du hast Dein ganzes Leben lang einen Garten bewirtschaftet und dort biologisch angebaut. Vor einigen Jahren hast Du das Buch „Mulch total“ veröffentlicht. Was ist das Besondere an der Mulchtechnik?

Das Mulchen hat enorme Vorteile gegenüber Kompost und anderen Düngern. Der ganze Boden wird mit Mulch bedeckt. Der Boden ist damit vor direkter Sonnen-Einstrahlung geschützt und es verdunstet keine Feuchtigkeit. Das Bodenklima ist ideal. Mikroorganismen und Kleintiere zerkleinern den Mulch. Die Inhaltsstoffe werden so Schritt für Schritt in den Boden eingebracht. Zum Mulchen sind fast alle Materialien geeignet. Mein wichtigster Helfer für eine hervorragende Bodenqualität ist der Regenwurm. Er setzt organisches Material in anorganisches um. Außerdem lockert er den Boden immer wieder auf. Unsere Ernteerträge sind sehr hoch. Alles ist in Bioqualität und das Beste ist, die Bodenqualität wird mit den Jahren immer besser. Unsere Art des Mulchens kann für die Welternährung von großer Bedeutung werden.

Seit 75 Jahren Vegetarier. Was bedeutet das für Dich?

Die vegetarische Lebensweise ist von großer Bedeutung für die Gesundheit der Menschen. Aber nicht nur das. VegetarierInnen sind in ihrer ganzen Lebenseinstellung  sehr positiv und sie lehnen per se jegliche Gewalt ab. Vegetarismus ist für mich auch der Weg Gandhis. Ich hatte Gandhi ja schon erwähnt. Gandhi – der ja Vegetarier war – steht für mich für den friedlichen Weg und Vegetarismus ist für mich natürlich eine Form des friedlichen Widerstandes. Das lebe ich nun seit 75 Jahren.

Kurt, herzlichen Dank für das Gespräch.

 

Text: Guido Barth
Fotos: Ingo Seubert, Berlin

Kurt Kretschmann im Porträt hier auf veggy-post.de

 

 

 

 

 


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