Lesetipp: „Gemüseheilige“ von Florentine Fritzen Eine Geschichte des veganen Lebens

 

Wir brauchen mehr „Gemüseheilige“, weniger Lifestylisten

Be vegan! Be happy! Be free!

Der Titel mag eher negativ konnotiert werden. Ein Missverständnis.                                                                Cover: (c) Franz Steiner Verlag

Es sind wahrscheinlich eher wenige Menschen, die etwas über die vegane Geschichte vor dem Jahr 2010 wissen. In jenem Jahr kam „vegan“ in Mode. Vieles von dem Wissen aus der Zeit davor ist verstreut über das Internet, in Büchern, Magazinen und Archiven und müsste mühsam recherchiert werden. Florentine Fritzen hat sich diese Arbeit gemacht. Ihr Buch „Gemüseheilige“ bietet auf 183 Seiten kompakt, sachlich und unterhaltsam Einblicke in das vegane Leben seit Mitte des vorletzten Jahrhunderts.

Die Autorin Florentine Fritzen hat 2004 mit einer Arbeit zur Reformbewegung promoviert. Ihre Dissertation ist 2006 etwas überarbeitet unter dem Titel „Gesünder leben“1, ebenfalls wie das vorliegende Buch, im Franz Steiner Verlag erschienen. Daraus kann sie auch für ihr neues Buch reichlich Wissen und Inhalte nutzen. Schließlich spielte die pflanzliche Ernährung in der Reformbewegung ein wichtige Rolle. Frau Fritzen absolvierte nach ihrer Promotion ein Volontariat bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (F.A.Z.) und ist seither feste Redakteurin, zuerst bei der F.A.Z. und seit 2009 bei der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (F.A.S.).

Bevor es das Wort gab

Im ersten von insgesamt drei Abschnitten des Buches lernen wir den Vegetarier Reinhold Riedel kennen. Über ihn erfahren wir, wie es sich zum Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland als Vegetarier und später auch „strenger“ Vegetarier leben ließ. Es macht Spaß den Ausführungen der Autorin zu folgen. Die Geschichte der veganen Lebensweise ist facettenreich und Florentine Fritzen erzählt uns einiges über u.a.: Monte Verita, Reformbewegung, Reformwaren, Gartenbausiedlung „Eden“, Ernährung als Heilverfahren, Ernährung in Kriegszeiten, Gleichschaltung 1935, Vegetarierbund Deutschland.

Die Vegetarier-Organisationen bemühten sich zur Jahundertwende (19. / 20.) um ihre und neue MitgliederInnen und eine Reihe von Publikationen mit Inhalten zum vegetarischen Leben waren erhältlich. Wir lernen, dass Reinhold Riedel in diesen Publikationen mehrere Artikel veröffentlichte, z.B. in der „Vegetarische Warte“, worin er seine Erfahrungen mit der pflanzlichen Ernährung beschreibt. Er experimentiert mit Rohkost und wird später strenger Vegetarier. Heute würde man sagen: Riedel lebte vegan. Nur, damals gab es das das Wort noch nicht.

Passend hierzu sind die drei Abschnitte des Buches „Gemüseheilige“ benannt:

1. Bevor es das Wort gab
2. Die Erfindung des Wortes
3. Seit es das Wort gibt

Die Aufbruchstimmung der Weimarer Republik prägte alle Lebensbereiche und die Suche nach neuen Werten und Gesellschaftsmodellen. Wir erfahren, dass Magnus Schwantje, Begründer des „Bundes für radikale Ethik“, 1923 in einer Schrift fragt: „Hat der Mensch das Recht, Fleisch zu essen?“2. Kritische Stimmen sollten es bald schon wieder schwer haben. Die Nazis kamen an die Macht. Alle vegetarischen und reformerischen Organisationen, die sich nicht bereits selbst aufgelöst hatten, wurden 1935 in der „Deutschen Gesellschaft für Lebensreform“ gleichgeschaltet.

Florentine Fritzen gelingt es, in einem klaren und flüssigen Schreibstil ein lebendiges Bild jener Zeit zu zeichnen. Erfreulich ist auch, dass sie neben den vielen WegbereiterInnen der veganen Lebensweise, die sie vorstellt, trotz der knapp bemessenen Seitenzahl noch Platz für Details findet. Etwa, wenn um 1900 die ersten Alternativ-Produkte auf den Markt kommen, oder die Entwicklung der ersten Magarine als Butterersatz für die Reformhäuser.

„Hitler der Flexitarier“: die  Autorin zeigt anhand von Zeitzeugen (z.B. Hitlers Sekretärin Traudel Junge) eindeutig, dass Hitler nicht vegetarisch gelebt hat. Deswegen die Überschrift „Hitler der Flexitarier“. Doch dann schreibt sie ein Stück weiter unten: „Warum Hitler vegetarisch gelebt hat, ist nicht ganz eindeutig“. Das ist etwas nachlässig. Also: 1. Hitler hat nicht vegetarisch gelebt und 2. es gibt schlicht mehrere Gründe (was ja nicht ungewöhnlich ist), weswegen die vegetarische Kost ein Thema für ihn war. Die Autorin nennt: „den Einfluss Richard Wagners“, weiterhin „Verdauungsprobleme“, „den Wunsch nach Gesundheit“ und „Tierliebe“. Einiges davon mag – zumindest in Teilen, zutreffen. Nach Traudel Junge und Hitlers Adjudant Otto Günsche, gehörte aber Tierliebe eher nicht dazu3. Wen das interessiert und wer mehr dazu wissen möchte, dem empfehle ich das Buch “Hitler: Neither Vegetarian Nor Animal Lover“ des amerikanischen Historikers Rynn Berry (1945 – 2014).  Außerdem geht es ja in dem Buch „Gemüseheilige“ um eine vegane Geschichte und Hitler war ja nicht einmal vegetarisch.

Endlich: das Wort

„VEGAN“: das Wort wird erfunden. Im kurzen zweiten Abschnitt des Buches erfahren wir, wie 1944 bei einem Treffen im vegetarischen Lokal „The Attic Club“ in London das Wort „vegan“ entsteht4. Wir lernen dessen Wortschöpfer und Gründer der Vegan Society, Donald Watson, kennen. Die Gründung der Vegan Society war übrigens die Konsequenz daraus, dass die London Vegetarian Society keine vegane Untergruppe in der eigenen Organisation etabliert sehen wollte – wobei sich die „Society“ aber bereit erklärte, eine externe Gruppe zu unterstützen.

Wie lebhaft die Diskussionen zwischen vegetarisch und vegan lebenden Menschen damals gewesen sein mögen, lässt sich vielleicht erahnen, wenn man sich vergegenwärtigt, dass selbst noch weit in das neue Jahrtausend hinein beim Vegetarierbund Deutschland in Publikationen von vegetarisch gesprochen wurde, auch wenn vegan gemeint war. Der Begriff vegan war einfach (noch) nicht gesellschaftsfähig.

Es gab nur ein einziges veganes Kochbuch

Der dritte Teil beginnt in einem Deutschland, in dem noch Krieg herrschte. Die Ernährungssituation war schlecht. Doch schon bald nach Kriegsende organisierten sich erste VegetarierInnen wieder. Vegan war zu jener Zeit kein Thema. Das änderte sich nur allmählich. Einer der ersten Protagonisten der neuen Zeit war der Pfarrer Carl Anders Skriver. Florentine Fritzen widmet ihm und seiner späteren Frau, Käthe Schüder, ganze 15 Seiten. Andere Größen der pflanzlichen Bewegung, wie u.a. Karl Albrecht Höppl, Max Otto Bruker, Max Bircher-Benner, Walter Sommer und Helmut Wandmaker, werden nicht so ausführlich vorgestellt.
Das mag daran liegen, dass Skriver als Gründer des Nazoräer-Ordens viele Anhänger hatte. Außerdem verkauften sich Skrivers Bücher, „Der Verrat der Kirche an den Tieren“ und „Die Regeln der Nazoräer“, einigermaßen erfolgreich. Skriver hatte als exzellenter Rhetoriker auch keine Scheu davor, radikal seine Ansichten zu äußern: „Denn an der weißen Milch klebt rotes Blut“ (aus: „Die Regeln der Nazoräer“). Käthe Schüder, seine spätere Frau, gab 1962 das erste vegane Kochbuch heraus. Es sollte sehr lange das einzige auf dem Markt erhältliche bleiben. Zum Vergleich: Allein im Jahr 2016 waren es bis zur Frankfurter Buchmesse im Oktober 211 neue vegane Kochbücher.

In den 1980er und 1990er Jahren sind es vor allem kleine Gruppen, wie: TierrechtlerInnen, TierbefreierInnen, EthikerInnen, Straight Edge / Punk AnhängerInnen und GesundheitsfanatikerInnen, die darum bemüht waren, das Thema „vegan“ bekannter zu machen. Es sollte aber noch bis ca. 2005 dauern, als einige Medien, zuerst aus der Biobranche, langsam über das Thema zu schreiben begannen. Das geschah vorsichtig und bevorzugt in Interviews, in denen sich prominente Künstler, Sportler und Schriftsteller als vegan lebende Menschen „outeten“.

Von der „Diät“ zum „Lifestyle“

Die pflanzliche Ernährung hat sich nach dem zweiten Weltkrieg von der bis dahin recht einflussreichen Reformbewegung, die neben dem Markt für Reformwaren dann kaum noch eine Rolle spielte, emanzipiert. Spielten in der Reformbewegung auch das Naturheilverfahren, die Freikörperkultur und noch andere Bereiche eine Rolle, stand die pflanzliche Ernährung auf einmal da. Der vielfältige, verbindende kulturelle Überbau war verschwunden. Das spiegelt sich auch im dritten – deshalb aber nicht minder lesenswerten, jedoch weniger kohärenten als chronologischen Abschnitt des Buches wider.

Erst seit Beginn des neuen Jahrtausends entsteht um die vegane Ernährung eine regelrechte Kultur: Kochbücher, Künstler, Mode, Literatur (Tierrechte, Romane, Reiseführer), Musik, Messen, Kontaktbörsen, Restaurants, Cafes, Hotels, Reisen. Das hat schließlich dazu geführt, dass vegan nicht mehr nur als „Diät“ wahrgenommen wird, sondern als Lebensweise und in neudeutsch gesprochen: als Lifestyle in unserer Gesellschaft Fuß fassen konnte.

Guido Barth

 

Be vegan! Be happy! Be free!

(c) Franz Steiner Verlag

Florentine Fritzen

Gemüseheilige
Eine Geschichte des veganen Lebens

Erschienen 2016 im Franz Steiner Verlag.
183 S., 14 s/w Abb.
Gebunden
ISBN 978-3-515-11429-5

21,90 Euro

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  1. Gesünder leben. Die Lebensreformbewegung im 20. Jahrhundert, Autorin: Florentine Fritzen, Franz Steiner Verlag, 2006 / Rezension von Professor Ulrich Linse für H-Soz-Kult Kommunikation und Fachinformation für die Geschichtswissenschaften
  2. Magnus Schwantje Archiv: http://www.magnus-schwantje-archiv.de/files/Hat_der_Mensch_das_Recht_Fleisch_zu_essen.pdf
  3. aus: War Hitler krank?: Ein abschließender Befund (2009), Henrik Eberle, Hans-Joachim Neumann
  4. The Origins of the Vegans: 1944-46 © John Davis, September 2016 http://www.vegsource.com/john-davis/origins_of_the_vegans.pdf


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