„Mein Kind soll kein´ Scheiß essen“

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Guido Barth trifft: Wolfgang Niedecken (Archiv Guido Barth, 2004) (Bildmaterial aus 2013, Fotocredits: Tina Niedecken)

BAP Sänger Niedecken lebt vegetarisch

Wofgang Niedecken – ein Kölscher Jung bleibt man überall auf der Welt
                                                                        Fotocredit: ©Tina Niedecken

Köln, Kölsch, Kölnisch, BAP, Niedecken: Wolfgang Niedecken ist wohl das, was man einen heimatverbundenen Menschen nennt. Dabei ist der Mann überall in der Republik und international unterwegs. In Sachen Musik und für soziale Projekte.

Das Musik keine Grenzen kennt, ist eindrucksvoll von BAP demonstriert worden. Eine der erfolgreichsten deutschen Rockbands hat immer in ihrem kölschen Dialekt gesungen. Der Rest der Nation hat es gelernt, die Texte zu verstehen. Guido Barth hat sich mit Wolfgang Niedecken getroffen. Niedecken lebt vegetarisch, zählt sich aber dabei, wie er das selber ausdrückt, „nicht zu den kapriziösen“.

Was gibt´s denn heute zu essen?

Keine Ahnung. Hier steht jede Menge Obst

Hier liegen auch Chips ´rum.

Das ist so die normale Bestückung, wenn du auf Tour bist. Da hab ich aber noch nie was von angerührt. Das steht da auch noch, wenn wir gehen.

Mal ehrlich, welche Rolle spielt Ernährung für dich?

Bewusst ernährt habe ich mich ab der Geburt meines ersten Kindes. Ich wollte, dass er keinen Scheiß isst und gesund aufwächst. Diese Grundeinstellung hat sich dann mit den anderen drei Kindern einfach so fortgesetzt. Und wenn du anfängst darüber nachzudenken, dann auch mal was liest, wenn du weißt, welcher Dreck, wo drin ist, dann kommt der Wunsch, was Gesundes aufzutischen, von ganz alleine.

Dann bist du aber sehr liberal: Gönnst den Jungs von der Band die Chips, lebst selbst aber sehr konsequent!?

Ich bin nicht orthodox. Aber in ´nen McDonalds kriegst du mich nicht rein. Und ich kann lappriges Weisbrot nicht ab und schüttle den Kopf, wenn ich in manchen Kühlschrank bei der Verwandtschaft sehe: Was da für ´ne Scheiße drin steht (Anmerk. d. Red.: s. oben). Es ist wirklich unfassbar. Ich weiß auch nicht, wie es kommt, dass da so wenig Bewusstsein da ist. Es wird zwar mehr, aber es ist doch erschreckend.

Also wenn ich jetzt zu den Niedeckens käme und den Kühlschrank öffnen würde: Da wär´ dann nur „Bio“ drin?

Wie gesagt, ich bin nicht orthodox. Wir achten auf gesunde Ernährung, aber wir gehen jetzt nicht nur in den Bioladen. Wir kaufen vielleicht Fifty-Fifty. Aber: Du findest bei uns keinen weißen Zucker. Bei uns wird nichts mit Weismehl gemacht. Und du kriegst immer viel Obst bei uns.

Du bist Vegetarier?

Ja, aber keiner von den kapriziösen, die irgendwo reinkommen und dann wird alles sehr kompliziert. Und ich geh nicht los und missioniere.

Hast du schon immer auf Fleisch verzichtet?

Ich hab´ mich von Kind an immer leicht davor geekelt, war aber zu Ausnahmen bereit.

Und wann kam dann die konsequente Ablehnung?

Mit dem BSE-Skandal. Diese Bilder von Massenkeulungen, auf denen man sah, wie die Rindviecher mit Baggern in Container-Trucks geworfen wurden; überhaupt diese Massentierhaltungen und furchtbaren Tiertransporte: So geht man nicht mit Kreaturen um.

Aber du erkennst an, dass der Mensch grundsätzlich ein Fleisch-fressendes Säugetier ist?

Wenn das Fleisch von einem glücklichen Tier stammt, dann ist es für mich o. k. Dann kann der, der´s will, ja in den Bio-Laden gehen.

Von „Bio“ zu BAP. Eure Band gibt es seit 1976. Für wen macht BAP Musik?

Wir machen das für keine spezielle Zielgruppe. Wir machen unser Zeug. Und wer das interessiert, der kann uns haben.

Wie ist BAP entstanden?

BAP ist ne Band, die hat sich einfach ergeben. Ich hätte niemals gedacht, dass das nun fast 30 Jahre dauern würde. Ich hab gedacht: „Irgendwie wird sich das ja ad acta legen.“ Aber es ging immer weiter – wunderbar.

Wie habt ihr eure Themen gefunden?

BAP ist nicht als ´ne Band gegründet worden, bei der zunächst mal die Idee da war: „Wir schreiben jetzt politische Songs und dann gehen wir an die Öffentlichkeit.“ Sondern: Wir sind ja in diese ganzen Bewegungen Ende der 70er Jahre – egal ob Friedens-, Anti-AKW- oder Hausbesetzer-Bewegung .– ´rein gekommen. Und die Veranstalter brauchten halt immer ne´ Band.

In den Texten von BAP geht´s auch heute um Schicksale, Gesellschaft, Politik. Warum erzählst du uns deine Geschichten in kölschem Dialekt?

Aus dem ganz einfachen Grund: Wir haben das nicht gemacht, um damit aufzutreten. Wir haben das gemacht, um uns einmal in der Woche zu treffen, um ein bisschen Spaß zu haben. Und erst später haben wir uns überlegt aufzutreten. Und dann war das Kölsch kein Hinderungsgrund: Im Proberaum verstanden sie alle Kölsch und drum herum auch. In den ersten Jahren sind wir ja aus Köln nicht ´raus gekommen.

… aber dann wurden die Kreise größer

Auch dann war das nie ein Hinderungsgrund. Und es ist natürlich auch gut, dass wir dabei geblieben sind. Ich hab da auch immer hart dafür gekämpft, auch wenn andere Strömungen in der Band waren. Wenn es zum Beispiel hieß: „Wenn wir das jetzt auf Hochdeutsch machen, könnten wir erfolgreicher sein. Oder vielleicht machen wir es am besten auf englisch, dann können wir international spielen.“ Dann hab´ ich immer ´gegen gehalten, weil du dich sonst einfach austauschbar machst. Dann hast du McDonalds-Texte. Das muss nicht sein.

vegetarisch um die Welt

Wolfgang Niedecken im „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“.
                                                       Fotocredit: ©Tina Niedecken

Im ersten Song der CD „Sonx“ lautet die Einstiegs-frage: „Wodrann soll mer jläuve?“ Gute Frage! Woran sollen wir also glauben?

Man ist schon oft niedergeschlagen und denkt: „Irgendwo ist kein Silberstreif zu sehen, irgendwo ist alles ganz furchtbar.“ Und dann passiert doch wieder etwas, wo du denkst: „Ach komm, so ganz schlimm ist es ja nicht.“ Man lebt halt ständig in diesen Auf und Abs. Und das ist auch in Ordnung. Das hält die Spannung.

Entstehen so auch Texte?

Das ist eine sehr intensive Zeit für Texte. Das ist das Positive dran. Texte schreiben ist ja so was wie, sich zu sich selbst auf die Couch legen. Und ganz scharf nachdenken, rauslassen, formulieren.

Weiter heißt es bei „Sonx“: „Wann immer du nit wiggerweiss, womöchlisch ahn nem Abgrund stehs, dich dä Moot verlööß, versprech mir, dat du mich rööfs“. Ist es heutzutage wirklich realistisch, auf Freunde zu bauen, die immer für einen da sind?

Zugegeben, es ist schon schwierig. Eigentlich kannst du schon froh sein, wenn du wenigstens einen von der Sorte hast, bei dem du zu jeder Tages- und Nachtzeit anrufen, dem du komplett vertrauen kannst.

In „Ein für Allemohle“ beschreibst du die Nacht der „Tausend Bomber über Köln“ von 1942. Was liegt dir an den Szenen von gestern?

Ich hab dieses Stück geschrieben, als der Irakkrieg losging und habe im Fernsehen einen Bericht über eine Demonstration bei uns gesehen, in dem ne alte Dame, die gar nicht so aus sag, als ob sie normalerweise auf Demonstrationen ginge, gefragt wurde, warum sie denn hier wäre. Sie sagte, sie hätte als Kind die Bombennächte im Keller verbracht und führte das dann weiter aus. Diese Zeitzeugen sterben ja jetzt weg. Da hab ich mir gedacht: „O.k., die Dame spielt nicht in einer Rock ´n Roll-Band, die wird das nicht so verbreiten können, wie ich das kann, also mach ich das jetzt mal, weil ich hab ja auch Tanten, denen das so gegangen ist.
„Wie schön es war“ habe ich auch anfangs des Irakkriegs geschrieben. In so einer Situation, wo mich meine Kinder gefragt haben: „Stimmt das, was wir da im Fernsehen gesehen haben?“ Das Ergreifendste war als meine Jüngste ankam und fragte: „Stimmt das Papa, gibt es wirklich Soldaten?“ Die hatte gesehen, was die angerichtet hatten. Die wollte natürlich von mir hören: „Ne, Schätzchen, das gibt es nicht. Das gibt´s nur im Märchen.“ Aber ich musste nun eben leider erklären: „Ne, Soldaten gibt´s schon.“ Und sie weiter: „Machen die das wirklich. Schmeißen die wirklich Bomben auf Häuser, in denen Menschen wohnen?“ Das konnte die überhaupt nicht verstehen.
So was machen wir unseren Kindern ja klar. Wir erziehen die nach einem idealistischen Weltbild. Du sollst bitte so sein, deinen Nächsten lieben, teilen können, weiß der Teufel alles.
Aber wir Erwachsenen kriegen das nicht hin: Väter und Mütter, die ihren Kindern zuhause das Gleiche erzählen, wählen bereitwillig diesen Vollidioten in Amerika zum Präsidenten und wissen, dass der Krieg führt gegen eine Bevölkerung, die damit nun gar nichts zu tun hat.

Wie ist das mit Idealen in wirtschaftlich kritischen Zeiten?

Bei den meisten scheitern sie doch schon früher: Die eine oder andere Lebenslüge macht deine Ideale auch platt. Ertappst dich vielleicht dabei, dass du so, wie du lebst, eigentlich gar nicht leben wolltest. Das ist wie der Riss in einem Staudamm: Kleiner Riss und dann geht´s immer weiter. Und dann stehst du da und denkst: „Wie konnte das Ding überhaupt brechen. Die Mauer deiner Ideale war doch eigentlich dick genug. Aber den ersten Riss hast du zugelassen.“ Das ist dann halt scheiße gelaufen.

… und bei Dir bei dir Konkret?

Ich habe natürlich Glück gehabt und nach meinen Idealen leben zu können, aber ich bin natürlich auch oft genug in Situationen gekommen, wo ich sagte: Gut, das nennt man jetzt Band-Demokratie. Wo du Sachen machen musst, die du eigentlich nicht so geil findest, die du alleine nicht tun würdest, aber wir haben abgestimmt. Die Abstimmung ist 4 zu 3 ausgegangen. Also musst du jetzt was tun, was du nicht gut findest, aber das ist dann eben im Rahmen der Demokratie.

Worüber habt ihr denn abgestimmt?

… Der große Streit bei uns in der Band war ja: Wie radiotauglich produzieren wir unsere Alben. Je radiotauglicher sie sind, desto mehr kaufst du davon, desto mehr leute ziehst du zum konzert – ganz einfach.

Was macht den Radiotauglichkeit aus?

Möglichst wenig laute Gitarren. Am besten gar keine. Möglichst schnell zum Refrain kommen. Möglichst verständlich und unkompliziert. Also möglichst nichts problematisches ansprechen. Sondern einfach nur einen Ohrwurm produzieren. Möglichst konventionell sein – ganz einfach. So dass jeder sagen kann: Stimmt, das ist aber schön.

Und das ist natürlich nicht unbedingt Rockn´Roll …

Ja, Rockn´Roll ist immer sperrig, ist sehr persönlich, ist eckig, eckt auch an. Hat damit auch kein Problem anzuecken.

 

 


Text: ©Guido Barth/Ralf Bürglin (2013 überarbeitet von Guido Barth)
Fotocredits: ©Tina Niedecken

Cover Zosamme Alt - UniversalAktuelles Album im Dezember 2013:
Niedecken Zosamme alt
LP Album
VÖ: 13.09.2013
LABEL: Vertigo Berlin

 

 


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