Nina Hagen: „Ne, ick war ja schon jestorben. Da habick keene Angst mehr jehabt.“

 

Guido Barth trifft: Nina Hagen (2004)

Nina lebt vegetarisch

Nina Hagen: Frau mit phenomenaler Stimme

Nina Hagen ist eine Ausnahmekünstlerin – selbst ein Kunstwerk, vielleicht. Sie ist in Europa, den USA und vor allem auch in Südamerika außerordentlich populär. Schon als Kind hat sie die vielen Jazz-Schallplatten ihrer Eltern rauf und runter gehört. Nina Hagen wurde 1977 zusammen mit ihrer Mutter, Eva-Maria Hagen, aus der DDR ausgebürgert, nachdem diese gegen die Außbürgerung ihres einstigen Lebensgefährten Wolf Biermann protestiert hatte. Nina Hagen lebt seit 1982 vegetarisch und ist Mutter von zwei Kindern: Cosma Shiva und Otis.

In Deinem Buch „That’s Why The Lady Is A Punk“ ist in der Vergangenheit häufig die Rede von Drogen. Welche Rolle haben Drogen für Dich gespielt?

Ich war nie süchtig nach Drogen, ich habe verschiedenen Drogen ausprobiert. Auch um wissenschaftliche Selbsttest zu machen, wie der Schamane im Regenwald seine  Mixturen in einer rituellen Zeremonie einnimmt. Wie sich die Ureinwohner Amerikas mit dem großen Geist vereinen auf geistiger Ebene – mit verschiedenen Pflanzen. So habe ich das im Grunde auch getan, aus dem einfachen Grund, weil ich nach der göttlichen Wahrheit, nach Gott gesucht habe.

Was hast Du gefunden?

Ich habe Gott getroffen – das war bei einer schamanischen Einweihung, bei der ich sterben mußte. Es ist aber wie in echt gewesen und ich habe mich wirklich gewehrt gegen das Sterben, aber die Stimme Gottes hat gesagt: „Ich bin hier um Dir zu helfen“, weil ich hatte ihn um Hilfe gerufen. „Du mußt sterben“, sagte er. Aber das war für mich inakzeptabel. Gibt es da nicht noch einen anderen Weg? Da kamen die Schmerzen wieder zurück, weil es ging um Schmerzen. Ich sag zu ihm, okay lieber Gott, ich seh ja selber, es gibt nur Schmerzen und es gibt kein Leben und kein Sterben, nur Schmerzen. In dieser Situation war das für mich ganz klar. Nun, ich sag dann, okay. Denn mach ich jetzt, was Du gesagt hast, ich leg mich hin und ich sterbe. Dann bin ich gestorben. Ich war für einen Moment raus aus meinem Körper und habe mich da von oben so liegen gesehen, in einer Krankenhausszene, wo noch irgendwelche Ärzte und Krankenschwestern irgendeine Elektromaschine an mich ran gemacht haben und an meine Backen geklopft haben und gesagt haben, Frau Hagen, Frau Hagen und dann „die ist weg, die ist weg“.

Wie hast Du das empfunden?

Das war nix, denn da war auch so’n riesen Berg mit amputierten Beinen und so. Na ja. Da will ich nie wieder hin, da unten, das ist ja furchtbar, uuch. Laßt mich bloß in Ruhe. In dem Moment hörte ich seine (Gottes) Stimme wieder und machte die Augen auf, waooh, die Farben haben getanzt, ich dachte ja die ganze Zeit, meine Augen waren auf gewesen, denn ich habe ja diese Szene da unten gesehen, aber apparently, beim Sterben hatte ich sie doch zugemacht. Dann hat er gesagt, so jetzt dreh Dich um. Ich dreh mich um und da sitzt er mir gegenüber. Ich habe natürlich  erstmal geguckt, weil da sitzt dir der liebe Gott gegenüber, guckt dich an, aber er guckt dich ganz lieb an, also mit einer Liebe, da denkst du, wer isn dit und dann guckst du dich nochmal um, ob da jemand geliebt wird, der da irgendwo hinter dir sitzt. Aber hinter mir war nur die Wand. Er konnte die Wand ja nicht so schrecklich lieb haben, wie mich, dachte ich mir.

Nina Hagen: Gott ist...

Nina Hagen liebt Blümchen und Schmetterlinge

Hast Du Angst gehabt?

Ne, ick war ja schon jestorben. Da habick keene Angst mehr jehabt. Ich hab ihn mir dann genauer angeguckt und noch genauer und noch genauer und plötzlich habe ich realisiert, dass der mich so unwahrscheinlich lieb hat. Da hab ich dann angefangen ihn zu interviewen, wie du jetzt mich. Irgendwann in dieser Nacht hat er mir dann erklärt, das ich gar nicht wirklich gestorben bin. Aber ich hatte Gott unbedingt finden müssen und dann habe ich noch mit ihm gebargained, weil ich dann wieder zurück mußte. Ich habe ihm gesagt, dass kannst du nicht verlangen, weil wenn du erstmal mit Gott zusammen bist, dann willst Du überhaupt gar nicht wieder weg von dem.

Du bist häufiger in Indien. Gehört das auch zu Deiner Suche nach Gott, bzw. was machst Du da?

Da habe ich einen Dokumentarfilm gemacht über die Botschaften von Babaji. Babaji war ein göttliches Wesen in einem menschlichen Körper. Ein Wesen, das uns während der Zeit, wo er da war –  16 Jahre lang – durch sein eigenes Beispiel und seine direkte Verbindung zwischen ihm und einer anderen Person, Situationen und Vorgänge geschehen sind, die den Menschen weiter geholfen haben in seiner Entwicklung. So auch mir. Da habe ich versucht, einen Film drüber zu machen, den wir manchmal auf kleinen Filmfestivals zeigen. Den Film gibt es auch als Video-Kassette und vielleicht gibt es den irgendwann auch mal als DVD.

Du triffst Gott, besuchst göttliche Wesen, Du drehst Filme und Du hast eine  CD aufgenommen, mit Musik, wie sie von Dir kaum jemand erwartet hat. „Big Band Explosion“, die hast Du zusammen mit der Leipziger Big Band und Deinem Freund Lucas Alexander aufgenommen. Wie ist es zu dieser CD gekommen?

Ich lebe jetzt seit über zwei Jahren in einer total himmlischen Beziehung und da sind diese Butterflies und die haben alle etwas mit Romantik, mit Liebe, mit treu sein und mit verlassen sein, mit Glaube und Hoffnung und nochmal Romantik und Küsse und glücklich sein zu tun, dass ich diese Platte quasi unbedingt machen mußte.
Das ist ganz tolle Musik und vor allen Dingen sind das ganz tolle Songs. Die sind wie Schmetterlinge einfach aus mir rausgeflogen. Aus dem schwarzen Amerika, vor allen Dingen Songs, die ich immer – schon als Kind – geliebt habe, wie die von Ella Fitzgerald, die ich dann auch als erwachsene Frau selber an Leib und Seele erlebt habe.

Nina Hagen spielt aber auch weiterhin Rock-Konzerte?

Ja, freilich. All the time, wir sind immer viel unterwegs. Ich spiele häufig in New York und so. Das mache ich dann mit meiner amerikanischen Band, ich habe aber auch eine deutsche Band in Berlin. Wir spielen viele Benefiz-Konzerte, im Sommer sind wir auf Open-Air Festivals in Österreich, in der Schweiz und in Deutschland. Das geht immer so weiter und wir machen auch eine richtige deutschsprachige Rockscheibe mit meinem Produzenten Micha Wolf und eine englische Rockscheibe und mit meinem Freund eine Duettscheibe. Ich habe Songs für UNICEF gemacht. Wir sind tief beschäftigt mit Rockmusik, aber vergiss nicht, der Jazz ist der Ursprung vom Rock. So there you are.

Du hast Benefiz-Konzerte und UNICEF erwähnt, Du engagierst Dich für ein Hospiz in Köln und für Kinder im Tibet.

Ja, und für ein Waisenhaus in Kabul auch.

Spannende Interview-Partnerin: Nina Hagen

Nina Hagen in einem Berliner Ausflugslokal.

Was liegt Dir daran?

Einfach, das ich in der Lage bin zu helfen – besonders Kindern. Wir machen ebay Celebrity Auktionen, um möglichst viel Geld aufzutreiben, wie wir das schon für unser Kabuler Waisenhaus gemacht haben und dann machen wir auch immer richtige Charity-Events, Benefiz-Konzerte und eben die CD, für UNICEF, „UNITED-WOMAN OF-THE-WORLD-UNICEF-CD-PROJECT“. Dabei sind die tollsten, die schönsten und die besten Sängerinnen der Welt, z.B. Annie Lennox, Lene Lovich, Nena und Liz Mitchell von Bonnie M..

Benefiz und Charity sind Dir sehr wichtig. Was bleibt da noch für die kommerzielle Schiene?

Ne, kommerzielle Schiene, so würde ich das sowieso nicht bezeichnen, sondern was ich mache, das ist einfach ganz normal. Leute wenden sich an mich und sagen, hier haben wir ne Charity und da mal etwas anderes und dann gucken wir in den Termin-Kalender und okay, vereinbart. Let’s go. Vor drei Jahren habe ich mit meiner Tochter (Cosma Shiva Hagen) etwas für die afghanischen Frauen organisiert. Wir haben auch ein ganzes Hospital im Himalaya aus dem Boden gestampft. Und du triffst ganz viele Leute, die für Tibet etwas tun. Für die Exil-Tibeter und für das Waisenhaus und so. Da sind dann Solidaritätskonzerte in Frankreich und in Spanien. Es gibt überall ganz viele tolle Menschen, viel mehr, als man so im Fernsehen hört. Also, im Fernsehen sagen die das gar nicht, wie viele tolle Leute es gibt. Da kommen immer nur dieselben komischen Leute.

Ist Nina Hagen glücklich?

Ja, selbst wenn ich unglücklich bin, dann bin ich glücklich.

Was bedeutet das?

Weil ich doch Gott getroffen habe und wo ich Gott getroffen habe, habe ich ihn gefragt – das war übrigens meine erste Interview Frage an ihn – die allererste Frage, die mir rausgepoppt ist: „Gehst Du etwa wieder weg, wie all die anderen“? Und da hat er gesagt, ich bin immer da, ich war immer da und ich werde immer da sein. Und seitdem ist selbst in den dunkelsten Stunden alles hell.

Nina, vielen herzlichen Dank für das Gespräch.

 

©Guido Barth
Fotos von Guido Barth

 

 

 


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