vegetarisch leben: „Pressemäßig landet man plötzlich im Feuilleton“

Guido Barth trifft: Achim Reichel (2004)

Achim Reichel beim Veggy Interview in seinem Studio

Achim Reichel zum Veggy Interview in Hamburg

Einst mit den Rattles auf internationaler Bühne, singt der Vegetarier Achim Reichel seit über 30 Jahren erfolgreich für das deutsche Publikum. Die Rattles galten damals als die deutschen Beatles. Achim Reichel ist musikalisch sehr vielseitig und hat über die Jahre zahlreiche sehr bekannte Lieder veröffentlicht.

 

Ich sag das mal ganz persönlich: Für einen “Rocker“ sehen Sie ja sehr gesund aus. Gibt es dafür ein Rezept?

Ja, natürlich. Ich meine, man kann ja nicht sein ganzes Leben naiv oder bekloppt sein oder unbewusst, was die Gesundheit anbelangt. Wenn man denn schon mal eine Lebensphase hatte, wo die Wellen etwas höher schlugen, ich versinnbildliche das mal, dann wird einem irgendwann klar, dass diese „Sex, drugs and Rock’n Roll“-Attitüde vielleicht etwas ist für einen Lebensabschnitt, aber nicht fürs ganze Leben. Und wenn einem klar wird, man sitzt am Mischpult, man sitzt am Steuer, man sitzt vorm Fernseher, man sitzt eigentlich nur rum. Insofern fing ich eigentlich schon ziemlich früh an, meine Ernährungsgewohnheiten umzustellen.

Sie wurden Vegetarier.

Ja. Ich lebe jetzt seit 20 Jahren vegetarisch. Das war bei mir zuerst nicht irgendwie weltanschaulich, das kam erst hinterher. Es gibt immer noch viele Menschen, die denken dass das langweilig ist. Darüber habe ich mich schon damals gewundert. Ich finde das ganz und gar nicht.

Vegetarisch, aber immer schön entspannt, ist das Motto von Achim Reichel


Kaufen Sie Lebensmittel aus biologischem Landbau?

So weit das möglich ist, achten wir schon darauf, aber ich gehe damit nicht tausendprozentig um, wir sehen das also nicht so verbiestert und verkniffen. Am liebsten kaufen wir auf dem Wochenmarkt, aber auch viel im Naturkostladen.

Herr Reichel, Sie sind verheiratet und haben eine Tochter, wer kocht denn bei Ihnen zu Hause?

Meine Frau und ich, wir kochen beide – aber nur manchmal zusammen.

Warum nur manchmal?

Das weiß ich eigentlich gar nicht genau. Wir haben da halt verschiedene Sichtweisen. Wenn sie so wollen, ist meine Frau mehr für die mediterrane Küche zuständig und ich mehr für die asiatische Küche.

Lebt denn Ihre ganze Familie vegetarisch?

Nein, meine Tochter ist da noch nicht so weit. Die findet es noch aufregend, da keine Grenzen zu ziehen.

Achim Reichel ist seit Jahrzehnten Veggy

Achim Reichel genießt bei seinen Fans „Legenden-Status“.

Herr Reichel, Ernährung gehört wie Musik zu unserer Kultur. Kultur, was bedeutet das für Sie?

In einer Zeit, wo die Politiker immer mehr an Glaubwürdigkeit verlieren, wo wir auf dem Wege dazu sind, dass absolut jeder Lebensbereich von kommerziellen Interessen belauert wird, da ist möglicher weise das Einzige, worin man noch Vertrauen und unschuldiges Interesse investieren möchte und kann, das ist die Kultur. Also, es hat sich bei mir in eine Richtung entwickelt, wo mir auch immer deutlicher geworden ist, dass die Themen wofür jemand wie ich kämpfen sollte, auch etwas damit zu tun haben sollten, wovon man wirklich etwas versteht. Und wenn man schon 40 Jahre im Musikgeschäft unterwegs ist, dann wachsen da eine Erfahrung und auch ein Blick für Dinge die falsch laufen.

Kommerz contra Vielfalt

 

Was läuft denn falsch?

Nehmen wir mal Deutschland. Deutschland ist insofern in Europa ein Land mit einem ganz speziellen Charakter, als das wir ein gehöriges Problem damit haben, was unsere eigene Kultur anbelangt. Ich finde, viele Leute machen sich darüber gar keine Gedanken. Und ich halte also gar nichts von dem Gedanken, dass die Globalisierung sowieso alles weg fegt und irgendwann sprechen wir alle dieselbe Sprache und haben eine Mischreligion und so weiter. Das geht für mich zu sehr in eine gesichtslose Austauschbarkeit und das sind Dinge, für die ich mich engagiere. Dafür zeigt man mir zwar auch ab und zu mal den Vogel, aber das ist mir denn auch völlig egal. Und ich zeige das also lieber in meiner Arbeit, als das ich Transparente hoch halte.

Das heißt?

Das heißt also, wenn ich Platten mache, wo Naturgeister aus der germanischen Mythologie eine wesentliche Rolle spielen, dann ist mir schon völlig klar, dass das für die Allgemeinheit etwas befremdlich ist, aber ich mache es eben trotzdem, weil ich denke, dass es für ein Volk eben verdammt wichtig ist, wenn es weiß, wo die eigene Kultur mal entstanden ist und wo das alles her kommt.

Ist das der Grund dafür, dass Sie seit über dreißig Jahren in deutscher Sprache singen und jetzt auch deutsche klassische Literatur in Ihrer Musik verarbeiten?

Ja, genau. Wenn man sich mal überlegt, egal, wo man in Deutschland das Radio anmacht, man hört eigentlich immer nur die englische Sprache. Da sind Industrie- und Wirtschaftsinteressen so stark, dass die Radiosender gar nicht darauf kommen, dass das Programm auch etwas mit der eigenen Identität zu tun hat. Denen ist die Quote dann wichtiger und die Werbekunden. Und das sind die öffentlich-rechtlichen Sender, die doch einen Kulturauftrag haben.

Kommerz, was bedeutet das Ihrer Meinung nach z.B. für die Kultur?

Kommerz, das ist die Sprache unserer Zeit. Der Zwang zur Quote ist ein Verderben, wenn es um Dinge geht, wo auch ein bisschen Geist drin stecken soll, weil der Geist, der will nämlich etwas anderes, als nur Kohle machen. Und das bring mal Leuten bei, die auf dem Schleudersitz hocken und nur Angst davor haben, dass die Quote fällt und ihr Job dadurch gefährdet ist. Also insofern sind wir in einer ziemlich verlogenen und irritierten Phase.

Frage-Antwort und lockeres Gespräch über Veggy-Themen und Musik

Guido Barth interviewt den waschechten Hamburger Achim Reichel.

Aber die Leute schalten doch immer wieder ein.

Schon, aber es ist den meisten ja gar nicht klar, dass die Engländer, Amerikaner oder Kanadier, egal, wann sie das Radio anmachen, jeden Song verstehen, weil sie natürlich einen ganz anderen Background haben. Das heißt, sie erleben ihre Zeit ganz anders. Sie bekommen Texte von Künstlern und haben die Freiheit darauf einzusteigen oder nicht, sich davon berühren zu lassen oder nicht. Die kriegen dann auch mal ein Aha-Erlebnis, während uns das alles fast gar nichts sagt.

Erfahrung und Reife führen auch zu mutigen Entscheidungen

 

Haben Sie denn das Gefühl, dass sich da zurzeit etwas ändert? Es gibt ja auch viele junge Bands mit deutschen Texten.

Klar, natürlich gibt’s die. Es ist nur die Frage, welche Art Unterstützung bekommen die? Denn eigentlich werden in unserem System ja nur noch Dinge „unterstützt“, die eigentlich gar keine Unterstützung brauchen. In unserer Sendelandschaft gibt’s nur Hits und Oldies, also erfolgreiche Bands. Und alles was neu ist, davor schrecken die Rundfunkanstalten zurück, denn die Zuhörer könnten ja auf einen anderen Sender wechseln. Neuheiten vorzustellen ist für die ein Risiko. Was für mich dann irgendwann dazu geführt hat, dass ich sage, Bestandteil so eines Systems möchte ich gar nicht sein.

Das hat aber auch Konsequenzen.

Durch die Vertonung von Gedichten und Balladen ist mir natürlich bewusst, dass es eine solche Platte viel schwerer am Markt hat als andere. Aber man macht natürlich auch ganz interessante Erfahrungen. Pressemäßig landet man plötzlich im Feuilleton und nicht mehr auf der Popseite, was ja auch angenehm ist. Schließlich bin ich nicht mehr der grüne Junge von damals.

Sie sind 60 Jahre jung, wie lange werden Sie noch Musik machen?

Das klingt vielleicht ein bisschen krass aber ich sehe das wirklich so: Wenn man a) in dem Geschäft und b) in diesem Land 40 Jahre lang überlebt hat, dann soll das wohl so sein. Musik ist mein Leben, dafür bin ich geboren worden, und das werde ich so lange machen, bis ich keine Lust mehr dazu habe oder zu schwach geworden bin. Keine Ahnung. Ich habe wirklich viele, viele Gründe, dankbar zu sein, dafür, wie sich mein Leben entwickelt und entfaltet hat, weil ich eigentlich ein ganz einfacher Kerl bin. Mein Vater ist zur See gefahren und ich bin in Sankt Pauli aufgewachsen.

Gut, Sie sind nicht mehr der grüne Junge von damals, aber körperlich sind Sie immer noch topfit. Außer einer gesunden Ernährung, machen Sie dafür noch etwas anderes?

Eines ist mal gewiss, seit ich mich vegetarisch ernähre, geht es mir körperlich sehr viel besser. Was nun allgemein die Gesundheit betrifft, bin ich nun auch so einer, der so’n bisschen Yoga und Meditation macht – und joggt, das gehört für mich alles zusammen.

Herr Reichel, haben Sie ein vegetarisches Lieblingsrezept?

Oh, da gibt es aber ganz viele. Blumenkohl, gewürfelter Tofu, gewürfelte Kartoffeln, gehackte Tomaten, eine kleine Pfefferschote gewürzt mit indischen Gewürzen wie Kurkuma, Kreuzkümmel, schwarzer Pfeffer.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Webseite von Achim Reichel

 

 

©Guido Barth
Fotocredit: Guido Barth


Ein Gedanke zu “vegetarisch leben: „Pressemäßig landet man plötzlich im Feuilleton“

  1. Hallo Herr Reichel,
    Ihr Artikel hat mir sehr gefallen, und mir genau aus der Seele gesprochen.
    Ich bin zwar ein bisschen jünger als Sie, aber ich habe Ihr Leben und vor allem Ihre Musik eigentlich immer im Blick. Ob Rock, Balladen, Shantys oder die Klassiker, alles ist wunderbar. Es wird zwar nicht der Masse gefallen, aber ich bin überzeugt, es gibt ganz viele Menschen, dazu gehöre ich auch, denen das sehr gut gefällt.
    Ein bisschen vergleiche ich Sie mit Sting. Ein Künstler den ich sehr schätze, und schon oft in Konzerten gesehen habe. Der probiert auch verschiedene Stilrichtungen aus. Wenn Sting, und Sie zähle ich dazu, etwas Neues ausprobieren, dann ist das für den Zuhörer zuerst sehr fremd. Wenn man es aber dann zum dritten Mal hört, fängt es einem an zu gefallen. Also, lieber Herr Reichel, bitte weitermachen. So wie ich denken noch viele.
    Ich wünsche Ihnen alles Gute für Ihre weitere Zukunft.
    Übrigens, ich habe Sie auch in der Talkshow am 27.02.15 gesehen. Sie sehen wirklich
    noch super klasse aus.
    Liebe Grüße aus Köln
    Marianne Müller

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