Psychologie des Fleischessens: Hunde essen, Schweine streicheln – ist Fleisch gleich Fleisch?

Go vegan!

Dr. Melanie Joy prägt den Begriff „Karnismus“                                                       Fotocredit: (c) CAAN/Dr. Melanie Joy 

Die Sozialpsychologin Dr. Melanie Joy untersucht die psychologischen Aspekte des Fleischessens. Mit ihrer Theorie des „Karnismus“ geht sie der Frage nach, warum wir akzeptieren, dass einige Tierarten als sogenannte „Nutztiere“ auf unseren Tellern landen, während wir andere als unsere Weggefährten betrachten und niemals essen würden. Das widersprüchliche Verhalten gegenüber unterschiedlichen Tierarten beschäftigt Dr. Melanie Joy seit ihrer Jugend.

Nach dem Verzehr eines mit Bakterien verunreinigten Hamburgers erkrankte Joy. Aufgrund dieser Erfahrung begann sie, sich mit der fleischverarbeitenden Industrie zu beschäftigen, empfand zunehmenden Ekel vor Fleisch und stellte schlussendlich den Konsum gänzlich ein. Joy realisierte ihr vormals widersprüchliches Verhalten: Sie hätte niemals ihren Hund gegessen, gleichzeitig aß sie bedenkenlos das Fleisch anderer Tiere.

„Bieten Sie Ihren Gästen Fleisch vom Golden Retriever an, die Reaktionen werden sie erstaunen.“ 

In der von ihr entwickelten Theorie des Karnismus führt sie ihre Erkenntnisse zusammen. „Wenn Sie Ihren Gästen zum Abendessen Fleisch vom Golden Retriever anbieten, werden Sie erstaunt sein, auf welche Reaktionen Sie stoßen. Genauso selbstverständlich, wie die meisten Menschen in Europa Fleisch von Schweinen essen, lehnen viele das Essen von Hunden in unseren Breitengraden mit einer entschlossenen Reaktion ab. Als sei es das Normalste der Welt, Tiere unterschiedlich zu bewerten“, so Joy. Die Theorie des Karnismus besagt, dass Menschen in unserer Gesellschaft in einem unsichtbaren Glaubenssystem aufwachsen, welches unterbewusst wirkt und das Mitgefühl einigen Tierarten gegenüber unterdrückt. „Durch diese Prozesse hinterfragen viele Menschen ihren alltäglichen Umgang mit jenen Tieren nicht, die später als Fleisch auf ihren Tellern landen“, sagt Joy. Da Karnismus die vorherrschende Ideologie in Bezug auf unseren Umgang mit Tieren sei, bleibt er Joy zufolge unsichtbar und lässt sich dadurch nur schwer erkennen.

Fleisch essen: Normal, notwendig und natürlich?

Weil  Karnismus institutionalisiert sei – sich also durch die gesamte Gesellschaftsstruktur ziehe – würde er unvermeidlich verinnerlicht und forme unsere Gedanken und Gefühle gegenüber Tieren. Joy beschreibt diesen Prozess so: „Wir lernen die Welt durch die Brille des Karnismus zu betrachten.“ Karnismus verwende eine Reihe sozialer und psychologischer Verteidigungsmechanismen, „die es empathischen und vernunftbegabten Menschen ermöglichen, an unmenschlichen und unsinnigen Praktiken teilzunehmen, ohne zu bemerken, was  sie da eigentlich tun.“ Joy zufolge lernen wir Tiere als Objekte wahrzunehmen, denen jegliche Individualität oder Persönlichkeit fehle: „Ein Schwein ist ein Schwein und alle Schweine sind gleich. „Karnismus schaffe Mythen, die seine Existenz rechtfertigen. Joy bezeichnet sie als die „Drei Ns der Rechtfertigung“: Fleisch essen würde als normal, notwendig und natürlich dargestellt. „Die Selbstverständlichkeit im Umgang mit Fleisch bleibt nur solange selbstverständlich, wie Menschen unbewusst im System des Karnismus verharren“, erläutert sie weiter. Mit den gleichen Argumenten wurde Joy zufolge bereits in der Vergangenheit versucht, verschiedene gewalttätige Ideologien zu rechtfertigen. Ein Beispiel hierfür sei die Sklaverei oder das Patriarchat.

Mitgefühl wiederentdecken

Laut Joy können Menschen ihre Empathie gegenüber den sogenannten „Nutztieren“ wieder entdecken. „Wir haben unser Mitgefühl nicht verloren, sondern nur gelernt, es zu unterdrücken“, sagt Joy. Laut der Karnismus-Theorie lernen Menschen, Gefühle und Gedanken zu unterdrücken, die im Gegensatz zu den eigenen Werten stehen. Dies zeige sich u.a. daran, dass Menschen, die Fleisch essen, im Dialog mit vegetarisch-vegan lebenden Gesprächspartnern oft dazu übergehen, sich ungefragt dafür zu rechtfertigen, warum sie Fleisch essen. „Da wir Mitgefühl mit Tieren haben, möchten wir, dass es ihnen gut geht. Dieses menschliche Interesse auf der einen Seite wird durch den Konsum von Fleisch auf der anderen Seite untergraben, da den Tieren durch die Haltung und das Töten Leid zugefügt wird. Nur wer die Wirkungsweisen des Karnismus durchschaut und Bewusstsein hierfür entwickelt, ist in der Lage, seine Konsum-Entscheidungen frei zu treffen“, so Joy.

DR. MELANIE JOY

Dr. Melanie Joy ist Harvard-Absolventin und Sozialpsychologin. Sie lehrte Psychologie und Soziologie an der Universität Massachusetts, Boston, und ist Autorin des preisgekrönten Buches ‚Warum wir Hunde lieben, Schweine essen und Kühe anziehen‘. Dr. Joy ist Preisträgerin des Ahimsa Award des Institute of Jainology, welcher jährlich im Britischen Unterhaus vergeben wird. Zu den vorigen Preisträgern gehören Persönlichkeiten wie Nelson Mandela oder der Dalai Lama. Viele nationale und internationale Medien berichten über Dr. Joys Forschungsergebnisse. Hierzu gehören u.a. die New York Times, BBC, ARD, Süddeutsche Zeitung, Spiegel Online, ABC Australia, PBS und La Repubblica. Mit ihren Vorträgen und Präsentationen begeisterte die gefragte Rednerin bereits Menschen in über 18 Ländern.

KARNISMUS

Dr. Melanie Joy prägte den Begriff des „Karnismus“, um das unsichtbare Glaubenssystem zu benennen, welches Menschen nach ihrer Theorie dazu veranlasst, Tierarten in „essbar“ und „nicht essbar“ zu unterteilen und das Mitgefühl den „essbaren“ Tieren gegenüber zu unterdrücken. Dies führe dazu, dass viele Menschen es für normal erachten, Schweine zu essen und Hunde zu streicheln – obwohl es keinen wesentlichen Unterschied zwischen diesen Tierarten gibt, der eine solch ungleiche Behandlung erklären könne. Das Konzept des Karnismus zeigt auf, dass es nicht per se normal, natürlich und notwendig ist, Tiere zu essen, sondern dass es sich hierbei um eine – wenn auch unbewusste –  Entscheidung handelt. Signatur / Disclaimer

KARNISMUS ERKENNEN – Wann hast du entschieden Tiere zu essen? Hol dir deine Entscheidungsfreiheit zurück.

Das vom VEBU (Vegetarierbund Deutschland) und CAAN (Carnism Awareness & Action Network Germany) initiierte Projekt „Karnismus erkennen“ informiert Menschen im deutschsprachigen Raum über die Wirkungszusammenhänge des Karnismus. In Vorträgen und Expertengesprächen bringt Joy den Menschen die Inhalte Ihrer Theorie nahe. Während ihrer Präsentationen bezieht sie ihr Publikum auf besondere Weise mit ein. Durch die Erklärung von alltäglichen Situationen findet sich jeder Zuhörer in Joys‘ Beispielen wieder. Begleitet wird das Projekt durch eine umfangreiche Medienarbeit. Informationsmaterialien wie Flyer, Broschüren und Videos ermöglichen einen leichten Einstieg in das Thema.

Fünfminütiges Video mit Melanie Joy und Leseprobe zum Buch „ Warum wir Hunde lieben, Schweine essen und Kühe anziehen“.

Ein ausführlicher Vortrag (60 Minuten) zum „Karnismus“ von Dr. Melanie Joy.

 

 Fotocredit: (c) CAAN/Dr. Melanie Joy


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