Archiv: The Skatalites im Interview: „We love music and we have a message“

Guido Barth trifft: The Skatalites (2007)

Skatalites: the legend is alive

The Skatalites im Faust in Hannover

Die Skatalites sind eine der tourfreudigsten Bands überhaupt. Die Touren dauern gewöhnlich mindestens sechs Monate, nicht selten länger als ein Jahr. In den ersten Jahren ihres Bestehens hat die Band vielen jungen Musikern zum Durchbruch verholfen: Delroy Wilson, Desmond Dekker, The Wailers und Lee Perry. Die Skatalites haben wohl mit jeder jamaikanischen Musikgröße (z.B. Jimmy Cliff und „Toots“ Hibberts (and the Maytals) zusammengespielt, außerdem mit Musikern, wie: Alpha Blondy, Willie Nelson, Bonnie Raitt und Eric Clapton und vielen anderen. Ihren wohl größten Hit hatten sie 1967 mit dem Titel „Guns of Navarone“. Aus der jüngeren Zeit gilt das 2005 enstandene Album „The Skatalites in Orbit, Vol. 1“ als legendär. Ihr letztes Album „On the Right Track“ wurde 2007 veröffentlicht.

(auch wenn einige rasta-affine Band-Mitglieder vegetarisch leben, ist das in diesem Gespräch kein Thema)

Gespräch mit:

Ken Stewart, Keyboard, seit Mitte der 80er
Lloyd Knibb, Drums, Gründungsmitglied 1963
Vin „Don Drummond Jr“ Gordon, Posaune, seit 2004
Doreen Shaffer, Vocals, Gründungsmitglied 1963
Lester “Ska” Sterling, Alt-Sax, präsent, möchte aber außer „Welcome“ nichts sagen
Karl „Cannonball“ Bryan, Tenor-Sax (seit 2004), grummelt hin und wieder zu Lloyd
Kevin Batchelor, Trompete, geht immer wieder aus dem Raum und beteiligt sich bis auf ein paar „interne“ Kommentare nicht am Interview

Ken Stewart, Keyboard

——————————–

Der Keyboarder Ken ist aus New York

Lester „Ska“, dahinter Ken am Keyboard

Ken, das letzte Skatalites Album, On The Right Track, habt ihr im fernen Australien aufgenommen, wie ist es dazu gekommen?

Ken:
Vielleicht haben uns die Kängaruhs inspiriert (lacht), Spaß beiseite, aber das ist eine nette Geschichte. Wir haben auf dem West Coast Blues & Roots Festival gespielt – eines der größten Festivals überhaupt. Wir hatten zwar gutes Material im „Gepäck“, aber ein neues Album war noch nicht wirklich fest geplant. Wie auch immer, dort auf dem Festival haben wir jemanden vom Studio 301 in Byran Bay kennengelernt. Jetzt kannst Du dir schon vorstellen, wie es weiterging. Die wollten gerne mit uns zusammenarbeiten; wir hatten das Material und Lust. Los ging’s.

Das wievielte Skatalites Album ist das?

(Lacht) Das wird wohl das vierundzwandzigste sein, glaube ich. Daneben haben wir natürlcih extrem viel auch für andere Musiker gespielt. Besonders wundert es mich in diesem Zusammenhang, dass viele Menschen überhaupt nicht wissen, dass die Skatalites die erste Band Bob Marleys war.

Du bist seit gut 20 Jahren dabei, was war das für ein Gefühl, als Du angefangen hast?

Das war phantastisch: Stell Dir vor, der Schlagzeuger der berühmtesten Skaband aller Zeiten „klopft“ bei Dir an und fragt, ob Du bei ihnen mitspielen willst?

The Skatalites are exceptionel

Doreen Shaffer, Lester „Ska“ Sterling und an den Drums schemenhaft Lloyd – drei Gründungsmitglieder von 1963

Das klingt ja fast ehrfürchtig.

Na ja, Ehrfurcht wäre etwas viel gesagt, aber einen riesengroßen Respekt hatte ich schon – klar. Den habe ich übrigens immer noch. Ich habe hier soviel gelernt und wir haben sehr, sehr viel Spaß.

Wie stehst Du zur Rastabewegung?

Ich würde mich nicht als Rasta bezeichnen, aber die Prinzipien und die Philosphie spricht mich an und hat einen wichtigen Platz in meinem Leben.

Lloyd Knibb (Drummer, Gründungsmitglied)

————————————————————

Llyod, die Skatalites sind über vierzig Jahre im Geschäft und ihr tourt immer noch sehr viel. Du bist  von Anfang an dabei gewesen – verrätst Du uns das Erfolgsrezept?

Lloyd:
Was heißt verraten, das ist gar kein Geheimnis: Liebe zur Musik, der Rest ist harte Arbeit.

Du gehst auf die 70 zu, machen monatelange Touren überhaupt noch Spaß?

Aber sicher, wie ich schon gesagt habe, wir lieben die Musik und wir bringen eine Message; das gibt schon viel Kraft. Was gibt es schöneres, als das Publikum mit der Musik glücklich zu machen. Ich sage Dir aber auch ganz ehrlich, in meinem Alter steckst Du das nicht mehr so einfach weg, wie Ken oder Kevin (Batchelor, Trompete), die ja viel jünger sind.

Still on the road, the Skatalites

Tenor-Sax, Trompete und Posaune. Karl „Cannonball“, Kevin Batchelor und Vin „Don Drummond jr.“ Gordon.

Probt ihr eigentlich viel?

Eher weniger. Ganz zu Anfang haben wir sehr viel geübt. Seit wir mit der Musik Geld verdienen, spielen wir sowieso fast jeden Tag stundenlang. An den freien Tagen treffen wir uns dann oft noch zu Sessions. Klar, wenn du neues Material bearbeitest, wird natürlich geprobt – solange, bis alles passt.

Ist das Musikbusiness über die Jahre härter geworden?

(Lacht) Was denkst Du denn. Einfach war es in den Anfangsjahren zwar auch nicht, etwa im Studio von Clement ‚Sir Coxsone‘ Dodd , wie in allen anderen auch. Geld gab’s nur, wenn Du gespielt hast, fertig. Du musstest halt sehen, dass du zurechtkommst. Heute ist die Geschwindigkeit im Business viel schneller. Heute entscheidet nicht immer gute Musik über den Erfolg eines Albums oder einer Band. Viel wichtiger ist das Marketing, weltweites Marketing. Das können sich aber nur die großen im Geschäft leisten. Damals war die Qualität viel wichtiger und wir waren ja richtig gut, deswegen hatten wir auch genug Aufträge.


Vin „Don Drummond jr.“ Gordon, Posaune. Gilt als Jamaicas bester Posaunist
(aus seiner Hosentasche/Mobile spielt ununterbrochen Bob Marleys Musik)
————————————-

Bist Du Bob Marley Fan?

Sure. Ich mag seine Musik und er hat Jamaicas Musik überall auf der Welt zum Durchbruch verholfen. Sein Album Exodus ist zum Album of the Century gewählt worden und wurde vorletztes Jahr neu veröffentlicht.

The Jamaican Queen of Ska: Doreen Shaffer

Doreen Shaffer „Queen of Ska hatte ihren größten Hit mit „Sugar, sugar“.

Du kommst ursprünglich aus Kingston, wohnst aber jetzt in Ocho Rios, warum?

Ganz einfach, in Ochi kann ich besser Geld verdienen. Wenn ich nicht mit den Skatalites unterwegs bin, spiele ich viel in Hotels und für die Kreuzfahrt-Touristen. Die wollen die Standards hören, manchmal gibt es auch A Capella. Wem die Musik gefällt, der kauft meine CDs.

(Lloyd:) Wieviel nimmst Du für eine CD?

15,- bucks.

(Lloyd:) US? (der Jamaica Dollar ist praktisch wertlos)

(alle lachen)

(Don) US, klar.

Was ist aus dem Jamaica Dollar geworden?

(Don:) Den kannst Du vergessen. Dafür kannst Du nicht Mal mehr im Bus bezahlen. Im Supermarkt geben sie ihn dir als Wechselgeld, Du kannst aber nicht damit bezahlen.

In Jamaica gibt es viele arme Leute, es gibt Ghettos und Korruption; auf der anderen Seite gibt es viele Touristen, die Spaß haben wollen und ein paar Eindrücke von der wunderschönen Insel mitnehmen wollen. Wie passt das zusammen.

Das passt erstmal nicht. Jamaica ist wunderschön, aber viele Menschen leben ein trauriges Leben. Leider gehen die meisten Touristen da einfach nur durch, erleben das wie ein „sicheres“ Abenteuer und verschwinden abends wieder auf ihr Kreuzfahrtschiff. Für die Probleme interessieren sich die wenigstens – aber auch da gibt es Ausnahmen. Letzlich ist es aber so, dass es ohne den Tourismus noch viel schlimmer wäre. Ich lebe ja auch davon, zumindest zu einem Teil.

The next generation

Lloyd Knibbs im Hintergrund an den Drums und Kevin Batchelor – Trompete

Wie geht es mit den Skatalites weiter?

Wir touren weiter, wie bisher und irgendwann gibt es wieder ein neues Album. Mehr kann ich dir dazu gar nicht sagen, da fragst du am besten Lloyd, der kriegt auch das meiste Geld.

(Lloyd, ernsthaft:) Ich sorge ja auch für den Rhythmus.

Bist Du also der Bandleader?

(Lloyd) Wir haben keinen Bandleader, jedenfalls nicht wirklich. Wir besprechen eigentlich alles gemeinsam und auch unser Musik entsteht gemeinsam. Jeder gibt seinen Beitrag.


Doreen Shaffer („Queen of Jamaican Ska“, Gründungsmitglied)
———————————————————————————-

Don lebt in Ocho Rios, Lloyd hat ein Haus in Harbour View (Kingston), wo lebst Du?

Ich lebe schon länger in New York. Ich mochte die Stadt schon bei meinem ersten Besuch. Irgendwann bin ich dann dort hingezogen. Ich habe aber auch oft Heimweh nach Jamaica. Zum Glück kann ich jederzeit dort hingehen und Freunde besuchen. Das mache ich natürlich auch.

Wie erinnerst Du Dich an damals, als ihr angefangen habt?

Das war eine verrückte Zeit. Ska ist ja mit uns populär geworden und wir haben mit so vielen Künstler gespielt: Bob, Peter, Toots, Jimmy Cliff, Alton Ellis, Ken Boothe, Derek Morgan, Beverlys, Rudys, Delroy Wilson, Desmond Dekker und vielen anderen.

Monatelang auf Tour und das nur mit Männern, ist das nicht doppelt anstrengend?

Ich mache das ja nicht zum ersten Mal, außerdem sind die Jungs sehr nett und hilfsbereit. Das klappt sehr gut.

Herzlichen Dank für das Gespräch, bless and love.
 
©2008, Guido Barth
Fotocredit: alle Fotos von Guido Barth


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.