Reproduktionstoxikologie: Kombinierte Teststrategien statt Tierversuche

 

Der Bundesverband „Menschen für Tierrechte“ stellt in der Serie „Arbeitsgruppe im Porträt“ die Reproduktions- und Entwicklungstoxikologie vor. Dabei geht es um den erfolgreichen Ersatz von Tierversuchen.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                  Quelle Logo: (c) Menschen für Tierrechte

In seiner Serie „Arbeitsgruppe im Portrait“ stellt der Bundesverband Menschen für Tierrechte wichtige Methoden zum Ersatz von Tierversuchen in der Reproduktionstoxikologie vor. Vor diesem Hintergrund kritisiert der Verband die halbherzige Herangehensweise von Wissenschaft und Politik. Um den Tierversuch langfristig zu beenden, sind eine koordinierte Planung und eine gezielte Förderung neuer Teststrategien unumgänglich.

In der Reproduktions- und Entwicklungstoxikologie werden zurzeit die meisten Tiere im Bereich der gesetzlich vorgeschriebenen Tests eingesetzt (1). Bei diesen Tests soll untersucht werden, ob sich ein Stoff schädlich auf die Reproduktionsfähigkeit und die Entwicklung der Organe oder des Nervensystems der Nachkommen auswirkt. 2016 wurden in Deutschland 14.000 Tiere für Reproduktionstests und knapp 18.000 Tiere für Tests auf Entwicklungsschäden der Nachkommen „verbraucht“. Meist handelt es sich um Ratten und Kaninchen. Die Zahlen sind so hoch, weil für die Testung nur einer Chemikalie in einer Studie bis zu 3.200 Tiere ihr Leben lassen müssen.

Gute Ansätze allein reichen nicht aus

Wegen des enormen Tierverbrauchs in der Reproduktions- und Entwicklungstoxikologie hat sich die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) auf die Reduktion der Versuchstierzahlen konzentriert und eine reduzierte Test-Version, die erweiterte Ein-Generationen-Studie, zugelassen. Für diese müssen mit rund 1.000 pro Substanz deutlich weniger Tiere leiden. Zusätzlich arbeiten Wissenschaftler weltweit daran, mit menschlichen Gewebekulturen und Organ-on-a-Chip-Systemen bessere Tests zum Nachweis von Reproduktionsstörungen durch Chemikalien und Arzneimittel zu entwickeln.

Möglich: Weiblicher Reproduktionstrakt auf dem Chip

Ein amerikanisches Forscherteam hat beispielsweise einen weiblichen Reproduktionstrakt auf dem Chip entwickelt und arbeitet bereits an dem männlichen Pendant. Von 2004 bis 2009 lief das EU-Projekt ReProTect zum Ersatz von Tierversuchen in der Reproduktionstoxizität. Es konnte bewirken, dass einige Tests auf Hormonwirksamkeit in die OECD-Testrichtlinien aufgenommen wurden. Die European Medicines Agency (EMA) überarbeitet außerdem derzeit eine wichtige Testrichtlinie, um „alternative Assays“ als Bestandteil einer integrierten Teststrategie aufzunehmen. In dieser sollen jedoch auch Tiergewebe oder aus dem Mutterleib entnommene Föten von Ratten oder Zebrafischen eingesetzt werden.

Nötig: Teststrategien, die verschiedene Verfahren kombinieren

„Es gibt gute Ansätze, um die leidvollen Tierversuche in diesem Bereich zu reduzieren. Durch die enormen wissenschaftlichen Fortschritte wäre jedoch viel mehr möglich – und nötig! Doch dazu muss der klare Wille da sein, die Tests an Tieren gezielt mit humanspezifischen Methoden zu ersetzen. Der nächste Schritt wäre, mit innovativen Teststrategien, die verschiedenen neuen Verfahren optimal zu kombinieren. Nur so lässt sich das große Leid unzähliger Tiere endlich beenden“, erklärt Dr. Christiane Hohensee, wissenschaftliche Leiterin von InVitro+Jobs beim Bundesverband Menschen für Tierrechte (2).
Wichtig ist nach Ansicht des Verbandes zum Beispiel die Entwicklung von Reproduktionsorganen aus induzierten pluripotenten Stammzellen, die sich in mikrofluidischen Organ-on-a-Chip-Plattformen mit den notwendigen Hormonen versorgen. Auch Planzentaschranken auf dem Chip würden die humanspezifischen und damit auch die tierfreien Verfahren entscheidend voranbringen.

Unumgänglich: Masterplan für eine tierleidfreie Wissenschaft

Um einer tierversuchsfreien Zukunft näher zu kommen, fordert der Bundesverband Menschen für Tierrechte eine umfassende Gesamtstrategie für eine tierleidfreie Wissenschaft. “Tiere werden solange in Giftigkeits- und Arzneimitteltests leiden und sterben, bis endlich geeignete tierversuchsfreie Verfahren entwickelt und verpflichtend in die Prüfvorschriften aufgenommen wurden. Doch obwohl die Industrie ein großes Interesse an humanspezifischen Verfahren hat, forschen noch zu Wenige an tierfreien Methoden. Gerade in der Reproduktionstoxikologie wird viel zu wenig investiert, um die alten Verfahren ersetzen zu können. Deswegen brauchen wir dringend einen Masterplan für eine tierleidfreie Wissenschaft“, schließt Hohensee.

Einen Einblick über den aktuellen Stand der tierversuchsfreien Verfahren in der Reproduktions- und Entwicklungstoxizität veröffentlicht der Verband heute auf seiner Wissenschaftsplattform InVitro+Jobs unter: www.invitrojobs.com

 

 

 

 

 

 

 

Quelle: Menschen für Tierrechte