Sind vegan lebende Menschen besonders intolerant? Interview mit dem Gleichklang-Gründer: Dr. Guido Gebauer

Go vegan!

Gleichklang-Gründer: Dr. Guido Gebauer.                            Fotocredit: (c) veggy-post.de

„Gleichklang“. Das ist der Name einer Kennenlern-Plattform, die Menschen mit Lebensstilen und -formen vermittelt, die auf anderen Plattformen kaum oder gar nicht berücksichtigt werden. Stichworte dazu: vegetarisch, vegan, sexuell „anders“ orientiert, schwer krank, behindert und mehr noch. „Gleichklang“ hat kürzlich für dieses Angebot den „Progressive Award 2014“ von PETA Deutschland gewonnen. Ich habe mich zu einem Interview mit Dr. Guido Gebauer, einem der Gleichklang-Gründer, im gleichnamigen veganen Café in Hannover getroffen.

„Gleichklang-Community“

Imbiss, Döner, „klassische“ Restaurants und Bistros: so isst die Stadt, so isst die Welt. Nur wenige Schritte weiter und man gelangt zum veganen Café Gleichklang. Dort bin ich mit Dr. Gebauer verabredet. Er ist einer von insgesamt drei Gründern der Kennenlern-Plattform Gleichklang. Das Café und die Kennenlern-Plattform sind sozusagen Teile der gleichen Community – der „Gleichklang-Community“. „Community“ deshalb, weil man auf der Kennenlern-Plattform neben LebnspartnerInnen u.a. auch Freunde, Partner für Unternehmungen und Reisen finden kann. Die Kennenlern-Plattform war zuerst da, das Café kam später. Die Plattform gibt es schon bald zehn Jahre. Das Café seit einem Jahr. Das Café hat eine angenehme Atmosphäre: warm, hell, bunt, froh, glücklich – die junge Frau im Service begrüßt mich zuvorkommend und vermutet richtig, dass ich für das verabredete Interview komme und meint, Dr. Gebauer würde gleich da sein. Ich bestelle einen Sencha Tee, den ich gleich bezahle – was ich mir bei Interviews so angewöhnt habe.

„Akzeptanz“

Die Kennenlern-Plattform richtet sich an Menschen mit alternativen Lebensstilen, an Menschen mit Behinderungen, an kranke Menschen, an Menschen mit alternativer sexueller Orientierung und anderes mehr. „Gleichklang“ wird jedoch auch zunehmend von Menschen frequentiert, die vegetarisch und vegan leben. „Aber nicht ausschließlich“, wie mir Dr. Gebauer später sagen wird und grundsätzlich gelte: „Akzeptanz gegenüber allen Lebensstilformen ist einer der wichtigsten Aspekte von Gleichklang“.

Bio-vegan-Thai: alles lecker

Das Café ist vegan und bio. Es gibt wunderbare Torten, Kuchen, Biscuits, Salate und ein Thai-Buffet. Neuerdings sind auch leckere Pizzen angeboten. Sonntags findet, fast ganztägig, ein Bio-Brunch statt. Es sind an diesem Nachmittag noch genug Plätze frei und ich setze mich für das Interview ans Fenster. Mein Tee kommt und just in dem Moment betritt auch Dr. Gebauer freundlich lächelnd in das Café. Er fragt, ob ich schon länger warte und entschuldigt sich auch gleich. Dabei ist er ziemlich pünktlich. Dr. Gebauer ist promovierter Psychologe und fungiert als Pressesprecher der „Gleichklang“ Kennenlern-Plattform. Er selber lebt seit über 25 Jahren vegan und „war“ davor schon einige Jahre vegetarisch. Er ist mit dem Platz am Fenster einverstanden und setzt sich zu mir.

Vegane PartnerIn bitte: ist das intolerant?

Nach ein bisschen „Small Talk“ spreche ich ihn auf eine kürzlich von „Gleichklang“ veröffentlichte Pressemitteilung an. In der hatte es geheißen, dass 40% der vegetarisch lebenden Menschen für eine Partnerschaft jemanden möchten, der oder die auch vegetarisch lebt. Bei vegan lebenden Menschen seien es sogar 85%, die zumindest einen vegetarischen Menschen suchen würden und ca. 55% wollen definitiv nur vegane PartnerInnen. Da drängt sich die Frage auf: Sind vegan lebende Menschen besonders intolerant? „Das ist ein Formulierung,“ sagt Dr. Gebauer, „die besonders häufig verwandt wird, die aber glaube ich an der Thematik vorbei geht. Die vegane Lebensweise begründet sich ja im Grunde auf einem tief verwurzelten hohen Maß an ‚Akzeptanz‘, das wir für alle Lebensformen aufweisen sollten. Und zwar nicht nur für menschliche Lebensformen, sondern auch für tierische.“ ———————————————————————————————————   Das ist ein Punkt, der die Menschheit seit jeher entzweit. Dabei meinte schon Albert Schweitzer mit seiner „Formel“: „Respekt vor dem Leben“, das universelle Leben – inklusiv – und nicht nur individuell-egoistisch: das menschliche. Doch die Mehrheit der Menschen betrachtet immer noch uneinsichtig Schweitzers Formel als etwas Exklusives – zum Leid der Tiere, der Erde und anderer Menschen. [Redaktion] ———————————————————————————————————

Gemeinsam die Welt gestalten

Go vegan!

Dr. Gebauer: vegan seit 25 Jahren.                                                                                                                                                                                                                Fotocredit: (c) veggy-post.de

Dr. Gebauer führt seinen Gedanken weiter aus, „das wir nämlich mit unserer Lebensweise die Welt so gut als möglich gestalten, sodass wir ‚Leid auf allen Ebenen‘ vermeiden. Das ist die Grundeinstellung. Das ist keine Einstellung von Intoleranz, in der Form, dass ich sage, ich schließe eine Gruppe aus, mit der ich nichts zu tun haben möchte, sondern es ist eine Einstellung, die sehr inklusiv ist und die sagt, wir wollen alle gemeinsam diese Welt so solidarisch und so verträglich und so positiv wie möglich gestalten.“ „VeganerInnen haben diese sozialen, positiven Wünsche natürlich auch und daraus entsteht eben der Wunsch gerade im engsten Umfeld und in partnerschaftlichen Beziehungen diese Lebenseinstellung zu teilen. Denn das ist ja ein wesentlicher Punkt in jeder Beziehung, dass man mit jemanden Probleme kommunizieren kann und mit jemandem etwas teilen und aufbauen kann.“

Psychologisch fundierter, ausgeklügelter mathematischer Algorythmus

Der komplexe Gleichklang-Algorythmus berücksichtigt nur wissenschaftlich untersuchte und nach aktuellem Forschungsstand evaluierte Partnerschafts-Faktoren. Dr. Gebauer erklärt dazu: „Zum Ernährungsverhalten, wie vegetarisch oder vegan gebe es zwar keine solchen Untersuchungen. So ist nicht untersucht ist, dass Partnerschaften spezifisch glücklicher und dauerhafter sind, wenn beide Partner vegan sind.“ Aber, es gebe, wie er sagt, Untersuchungen allgemeinerer Art, die zeigen würden, „dass je wertvoller einem eine Sache ist, umso wichtiger ist, dass eine Einstellungs-Ähnlichkeit oder Kompatibilität vorliegt.“

Faire Preisgestaltung

„Wir haben tagesaktuell 15.300 Mitglieder – zahlende Mitglieder“, wie Dr. Gebauer betont. Gleichklang war von Beginn an kostenpflichtig und unterscheide sich darin von einigen anderen Plattformen, „die oft in großer Zahl „Karteileichen“ sammeln würden“. Bezahlen, so führt Dr. Gebauer weiter aus, sei im Internet immer noch eine echte Schwelle. Auch, wenn die Kosten bei Gleichklang verhältnismäßig niedrig seien – verglichen mit anderen Portalen. „Der absolut mögliche Mindestbeitrag für ein Jahr liegt bei 1,- Euro, Standard sind 48,- Euro. Pro Jahr, wohlbemerkt. Das und sogar noch mehr verlangen große Portale für einen einzigen Monat.“

Vegan-Hype?

Was mich dann doch noch sehr interessiert, ob Gleichklang auch von der deutlich gestiegenen Zahl an vegetarisch und vegan lebenden Menschen in Deutschland profitiert hat. Dr. Gebauer winkt gleich ab. „Den großen Sprung hatten wir noch nicht.“ Er begründet das mit den begrenzten Ressourcen, die sie für Werbung ausgeben würden. Wohingegen manche große Partnerbörsen Millionen für die Werbung zur Verfügung hätten. „Der Anteil der vegetarisch und vegan lebenden Mitglieder hat sich allerdings schon erhöht. Eine Verschiebung dahin findet definitiv statt.“ In der Zwischenzeit ist das Café voll geworden. Es wird Zeitung gelesen, Tee und Café getrunken, Kuchen gegessen und angeregt diskutiert. Zwei ältere Damen bedienen sich am warmen Buffet und lassen sich dabei von zwei ganz jungen Frauen alles erklären. Das geht dabei so herzlich zu, das ich denke, es sind wohl die Enkelinnen, deren Mutter noch am Tisch sitzt. Drei Generationen essen vegan: Guten Appetit!

Webseite: Café „Gleichklang“ und Kennenlern-Plattform „Gleichklang“

 


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