Interview mit Captain Paul Watson (2010): „Keine Zeit für Kompromisse“

 

Paul Watson - veganer Captain zur See

Captain Paul Watson – unterwegs auf den Weltmeeren.                                                                                                                                                                                   Fotocredit: (c) Sea Shepherd

Der weltbekannte Umweltaktivist Captain Paul Watson von der Organisation Sea Shepherd war auf Einladung der Partei Mensch Umwelt Tierschutz nach Hannover gekommen. In einem Vortrag hat er dort Einblicke in seine Arbeit gegeben. Anschließend hatte er Zeit, dass Eine oder Andere zu erläutern.

Paul Watson kann einem die Ehrfurcht in die Knochen treiben. Er ist als „Urgestein“ seit gut vier Jahrzehnten in der Umweltbewegung involviert. Wer sich mit seinen biografischen Daten beschäftigt, ein paar Interviews und Artikel liest und vielleicht noch ein Video auf YouTube schaut – dem wird zweifellos klar, dieser Mann will sich im Kampf für die Tiere und für die Umwelt nicht aufhalten lassen. Die Bilanz sieht entsprechend aus: Proteste gegen Atombombenversuche der USA in den 60er Jahren, Gründungsmitglied von Greenpeace, Politiker, Gründer der Sea Shepherd Conservation Society, Bürgermeisterkandidat von Vancouver, Fischfangschiffe gerammt, die japanische Walfangflotte behindert, über ein Dutzend Fangschiffe verschiedener Nationen versenkt, Einsatz für Seehunde, Delfine, Schutz der Galapagos-Inseln, Protest gegen das Walschlachten auf den Faroer-Inseln, eigentlich überall, wo „illegal“ gefischt und getötet wird, sind seit 1977 die Leute von Sea Shepherd dabei. „Illegales Fischen passiert viel häufiger, als man ahnt, raunzt Paul Watson. Watson ist Schiffskapitän und sozusagen der Chef von Sea Shepherd. Alle nennen ihn Captain Watson. Er schaut sehr ernst und sagt dann, „wir haben in der ganzen Zeit“, damit meint er die letzten gut 30 Jahre, „nie jemanden verletzt“. Seine Stimme ist kräftig, nicht so tief und seebärig, wie man vielleicht vermuten mag, und sie klingt sehr selbstbewusst. „Wir sind auch bisher von keinem Gericht auf der Welt verurteilt worden“, fügt er hinzu.

Sea Shepherd ist kein Bittsteller

60.000 Tonnen vom bedrohten Blauflossen-Thunfisch wurden im Mittelmeer binnen Jahresfrist gefangen, die Quote erlaubte maximal 15.000 Tonnen. „Unsere Schiffe patrouillieren etwa vor Tunesien, dokumentieren und wenn erforderlich, behindern wir auch gezielt“. Behindert werden auch die japanischen Walfänger in der Antarktis, „außer uns macht das niemand, wir schützen dabei nicht nur die Wale, sondern auch internationales Recht. Oft fahren die Walfänger in Schutzgebiete und stellen dort den Walen nach.“

Die japanische Flotte ziehe gerade wieder in die Fangsaison und wolle um die 1.000 Wale erlegen, angeblich, so heiße es seit Jahren, für wissenschaftliche Zwecke. Tatsächlich landet das Walfleisch, das sehr stark umweltbelastet ist und für Kinder als gesundheitsschädlich eingestuft werden kann, als Delikatesse auf den Tischen japanischer Restaurants. Im letzten Jahr konnte Sea Shepherd mit dem größten Schiff ihrer Flotte, der „Steve Irwin“, 500 Tieren das Leben retten. Das gelang in erster Linie deswegen, weil die Crew geschickt um das Nachschubtankschiff der Japaner manövriert war und die Trawler nur sehr verzögert wieder aufgetankt werden konnten. Es ärgere ihn, dass Greenpeace jedes Jahr in der Antarktis ein paar Banner hochhalte und mit 40 Millionen Dollars Spendengeldern wieder nach Hause fahre. Wale würden damit eher nicht gerettet, meint Watson. „Wenn Greenpeace uns unterstützen würde, könnten wir alle Wale retten. Leider trete Greenpeace aber eher als Bittsteller bei Politikern und in der Wirtschaft auf, nach dem Motto „bitte, bitte, tötet keine Wale mehr“. Captain Watson macht unmissverständlich deutlich, dass seine Organisation anders vorgeht, „wir sagen den Leuten ganz klar, ihr werdet keine weiteren Wale mehr töten, andernfalls versenken wir euer Schiff“. Die Sea Shepherd Schiffe fahren unter einer Piraten-Flagge.

Entschlossenner Captain am Steuerrad

Der Captain hat das Ziel klar vor Augen.                                                   Fotocredit: (c) Sea Shepherd

Platz für Angst ist kaum

Begegnungen, die wie Räuberpistolen klingen, hat Watson oft erlebt: da ist der russische Soldat am Strand, der das Schiff draußen vor der Küste, aus der Ferne, für ein russisches gehalten hat und erst nach einer Stunde, in der die Crew am Strand alles dokumentiert hatte, näher kam und Fragen stellte und sich wunderte, dass das kleine Schlauchboot mit Mercury Motoren ausgerüstet war, Motoren, die es in Russland überhaupt nicht gab. Als der Soldat sein Gewehr von der Schulter nahm, „ da half nur noch Lächeln und Winken, auf lachende Menschen schießt es sich nicht so einfach“, frotzelt Watson, während er in meinem Gesicht nach einer Reaktion auf diese Geschichte sucht. Oder der russische Kapitän eines Walfängers, der die Behinderungen der Sea Shepherd Boote Leid war und der seinem Harpunier etwas ins Ohr flüsterte und halsabschneiderisch in Richtung der Schlauchboote gestikulierte. „Der meinte das total ernst. Wir hatten in den Jahren viel Gandhi gelesen, aber in diesem Moment wurde mir klar, das wir damit nicht weit kommen würden.“

Vegane Ernährung ist aktiver Tier- und Umweltschutz

Man mag sich fragen, was diesen Mann zu diesem kompromisslosen Kurs treibt. Watson, der sich selbst für eher konservativ hält, beschreibt so: „Ich bin schon als Kind mit Bibern geschwommen, später waren es auch Orkas – letzteres aber eher aus Versehen. Es sei einfach irrational, wie der Mensch mit seiner Umwelt umgehe. Jedes Jahr würden mehr als 20.000 Arten ausgerottet, Arten, die in 65 Millionen Jahren entstanden sind. Die Erde sei wie ein Lebenserhaltungssystem und das würde eines Tages zusammenbrechen. Dagegen wehre er sich. „Es ist schlicht auch die Liebe zur Natur.“ So sei es für ihn auch selbstverständlich, sich vegan zu ernähren. „Auf allen unseren Schiffen wird vegan gegessen“. Die Sea Shepherd Conservation Society propagiert die vegane Ernährung auch offensiv, als ein wesentlichen Beitrag, den jeder Mensch ganz persönlich beitragen könne. Da würde sich schnell zeigen, wer es wirklich ernst meine mit dem Tier- und Umweltschutz. „Du weißt ja, bei den eigenen Gewohnheiten ist es meistens schnell zu Ende mit der Entschlossenheit der Menschen.“

„Fleisch“ gibt es nicht gewaltfrei

Man habe ihm auch oft vorgeworfen, er würde nicht gewaltfrei für die Sache kämpfen. „Wir werfen höchstens mit Buttersäure“, brummelt er und lacht. Die rieche zwar scheußlich, verursache aber sonst keine Schäden. Die Japaner hingegen würden mit Blendgranaten antworten und hätten auch schon auf ihn geschossen. Eine Kugel hatte Watson in der Brust getroffen, dank der schusssicheren Weste blieb er unverletzt. Im letzten Januar überfuhr das japanischer Walfangschiff „Shonan Maru 2“ die „Ady Gil“, einen Trimaran von Sea Shepherd. Das sei auf hoher See gewesen und vorsätzlich, wie Watson anführt. „Wie durch ein Wunder blieb die Besatzung fast unversehrt und konnte gerettet werden bevor das Schiff gesunken ist.“ Seltsam finde er, dass der Kapitän des japanischen Schiffes bis heute weder verhört noch irgendwie zur Verantwortung gezogen worden sei. „Wie gesagt, wir haben noch nie jemanden verletzt“, deswegen sehe er auch keinen Grund sich zu rechtfertigen. Einem Grünen Parteigänger, der sich für absolut pazifistisch hielt, und der ihm zuviel Gewalt vorgeworfen hatte, habe er erwidert „und was ist mit dem Hamburger in deiner Hand“.

 


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