Jonathan Safran Foer: „Ich wollte verstehen, warum wir essen, was wir essen.“

 

Guido Barth spricht mit: Jonathan Safran Foer (2010)

Foer lebt vegetarisch

Jonathan Safran Foer
                                                          Fotocredit: ©Jerry Bauer

Jonathan Safran Foer lebt in New York, ist 33 Jahre alt und gilt als einer der weltweit besten Autoren. Er lebt seit ein paar Jahren vegetarisch und hat nun nach zwei erfolgreichen Novellen ein Sachbuch mit dem deutschen Titel „Tiere essen“ geschrieben.

Vor drei Jahren war Jonathan Safran Foer mit seiner Familie für drei Monate in Berlin. Seine Familie, das sind seine Frau und seine beiden kleinen Söhne. Im letzten Jahr verbrachten sie einige Zeit in Paris, in diesem bereits zwei Monate in Tel Aviv und sind nun für sechs Wochen in Jerusalem. „Wir versuchen jeden Sommer einige Zeit in einer anderen Stadt zu verbringen.“

Ich frage ihn nach vegetarischen Restaurants in Israel. Er lacht. „Ich suche nicht speziell nach vegetarischen Restaurants, das habe ich nie gemacht. Es gibt in jedem guten Restaurant, eigentlich sogar in fast jedem“ – korrigiert er, „etwas Vegetarisches zu essen“. Jedes Land habe natürlich seine ureigene, traditionelle Küche: Chinesisch, Französisch, Italienisch. Ganz allgemein sei die mediterrane Küche und dazu gehöre auch der Nahe Osten, ideal für vegetarisch lebende Menschen, erklärt Foer.

Interessanter Autor – aber das Thema?

Für ein Interview mit der Financial Times London war Foer Anfang des Jahres im „Gobo“, einem veganen Restaurant in New York. Das zentrale Thema des Interviews war das vegetarische Essen. Es ging ein bisschen „etepetete“ um Seitan und Fleischalternativen, mit denen der Redakteur wohl nicht allzuviel anfangen wollte. Der Anlass zum Interview – denn sicher ist dies kein gewöhnliches Thema für diese große Zeitung, war das neue Buch von Jonathan Safran Foer: „Eating Animals“.

Das Buch als Anlass, das Interesse galt aber wohl in erster Linie dem Novellisten Foer, der mit „Alles ist erleuchtet“ (2003) ein Meisterwerk und Welterfolg vorgelegt hat und mit „Extrem laut und unglaublich nah“ (2005) ein ähnlich großartiges Buch nachlegte. Nun hat dieser Mann aber entgegen allen Erwartungen etwas ganz anderes gemacht, nämlich ein Sachbuch, und zwar nicht irgendeines, nein, sondern eines über, wie er sagt, „ein außerordentlich wichtiges Thema“.

Es geht um das Essen von Tieren, aber fast noch mehr um die Produktion dieses Essens. Es geht um Massentierhaltung. „99% des Fleisches, des Geflügels und der Fische, die wir essen, stammen aus der Massentierhaltung.“

Geschichten hinter dem Buch

Foer selbst lebt nun seit gut fünf Jahren konsequent vegetarisch, „meine Frau Nicole und meine Kinder auch“. Er sei auch schon vorher immer Mal temporär vegetarisch gewesen, aber erst als er erfuhr, dass er Vater werden würde, sei da plötzlich eine ganz andere Perspektive entstanden, „ich wollte konkret werden, alles ganz genau wissen und habe sehr viel dazu gelesen und recherchiert“. Nun liegt das neue Buch auch in deutscher Sprache vor und heißt „Tiere essen“. Drei Jahre hat die Arbeit an dem Buch gedauert. Er hat in dieser Zeit mit sehr vielen Menschen gesprochen: mit Züchtern, mit Tierschützern, mit Schlachthofmitarbeitern, mit Verbrauchern. Er hat grausame Geschichten gehört. Geschichten über: das Betäuben, das Quälen der Tiere, das Leiden und Töten – oft bei vollem Bewusstsein, aber auch Geschichten über die Rohheit der Menschen, das Abstumpfen und er hat heimlich eine der großen Truthahnfarmen besichtigt, mit einer Person, die seinem Buch „C“ genannt wird.

Foer, der Held, lebt vegetarisch

Wie es kommt, frage ich ihn, dass der Held, in „Alles ist erleuchtet“, der kurioser Weise
„Jonathan Safran Foer“ heißt schon vegetarisch lebt und der junge Held in „Extrem laut und unglaublich nah”, lebt sogar vegan. Immerhin ist er selber erst später zum Vegetarier geworden. Foer legt dar, dass es sei ja nicht so gewesen, dass er nicht schon viel früher über das Thema nachgedacht habe. Wobei, bedeutet er und wird dabei ganz ernst, er fände dieses Kategorische eher schädlich. Das Thema ließe sich nicht darauf reduzieren, vegetarisch oder nicht. Das ist, als gäbe es nur schwarz und weiß. Dabei gebe es auch sehr viel dazwischen, das in die richtige Richtung weist.

„Warum wir essen, was wir essen“

Ein Schlüssel für die Zukunft sei, so formuliert es Foer, das persönliche Engagement des Einzelnen, denn es bestehe ein gravierender Unterschied, ob jemand schlicht informiert sei, oder ob er sich auch engagiere. „Das ist auch ein Grund, warum ich dieses Buch geschrieben habe und ich wollte die Geschichte, die auch schon Peter Singer („Animal Liberation“), Jeffrey Masson (z.B. „When Elephants Weep“) und Ruth Harrison („Animal Machines“) bereits erzählt haben, auf eine andere Art erzählen, eine Art, die es schwieriger macht, sie zu ignorieren.“ Wir würden als „Esser“ sehr an tradiertem Verhalten und an tradierten Geschichten festhalten und diese mit dem Essen verbinden.
Das sei am „Festtagsbraten“ am deutlichsten erkennbar, so beschreibt Foer eine Situation, deren Ursache bis weit in die Kindheit jedes einzelnen zurück reicht. „Da sind sehr tief sitzende Emotionen und sehr komplexe soziale Beziehungen im Spiel. Ich wollte verstehen, warum wir essen, was wir essen.“

Auf eine universelle Moral angesprochen, schüttelt er den Kopf. „Menschen wollen nicht, dass Tiere gequält werden, weder wollen sie es selber machen, noch, dass es in ihrem Namen geschieht – es sei denn, es sind solche Menschen, denen es rein um den Profit ginge. Das Sehen eines gequälten Tieres ruft sehr starke Gefühle in uns wach und wir empfinden ein sehr starkes Mitgefühl. Gibt es deswegen so etwas, wie eine universelle Moral, fragt er rhetorisch und antwortet: NEIN. Dennoch, und das ist sehr interessant, gibt es da etwas in uns drin, das diese Quälerei auf fundamentale Weise ablehnt.

Foer braucht später gute Antworten

„Wenn wir in meiner Familie Fleisch essen würden und meine Söhne würden mich eines Tages fragen: Warum wir dies alles essen, würde ich ihnen, bei allem was ich über die Fleischproduktion weiß, keine wirklich gute Antwort geben können.“ Sie lebten aber nun vegetarisch und wenn seine Söhne ihn nun später einmal fragen würden, warum sie dies alles nicht essen würden, könne er ihnen offen und ehrlich antworten und hätte ein gutes und zufriedenes Gefühl.

Zum Ende unseres Gesprächs sagt Jonathan Safran Foer noch etwas, das er in letzter Zeit häufiger in Interviews gesagt hat. “Ich bin sehr hoffnungsvoll”, und meint damit, das sich 20% der College Studenten in Amerika als vegetarisch bezeichnen, was mehr seien, als es Katholiken in Amerika gebe. „Wenn diese ganzen College Studenten, die heute schon vegetarisch leben, morgen als Schriftsteller, als Journalisten, Politiker und Anwälte, anfangen, ihre Geschichten über das vegetarische Leben, ihr Leben, zu erzählen, wird der Wandel dramatisch sein.“

©Guido Barth
Fotocredit: ©Jerry Bauer

„Tiere essen“ von Jonathan Safran Foer
(Originalausgabe: „Eating Animals“)
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Übersetzt von: Isabel Bogdan, Ingo Herzke und Brigitte Jakobeit
400 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3-462-04044-9
Erschienen 2010


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