vegetarisch leben: „Es lohnt sich auf jeden Fall“

Guido Barth trifft: Charlotte Link (2010)

Charlotte Link lebt schon lange vegetarisch

Charlotte Link, attraktiv und erfolgreich

Charlotte Link ist mit bald 20 Millionen verkauften Büchern Deutschlands erfolgreichste Autorin. Ihre Bücher erscheinen in vielen Ländern dieser Welt und einige wurden erfolgreich verfilmt. Ihr ist aufgefallen, dass es meistens Frauen sind, die sich mehr im Tierschutz engagieren. Sie hörten zwar oft das Argument, es sei doch sowieso nur der Tropfen auf den heißen Stein – sie tun es, anders als die meisten Männer, aber trotzdem. Charlotte Link ist überzeugt, das es sich auf jeden Fall lohne. „Man weiß ja auch nicht, wie diese Welt aussehen würde, wenn sich niemand für irgendetwas einsetzen würde.“ Sie lebt aus ethischen Gründen seit ihrem achten Lebensjahr vegetarisch.

Sie fahren regelmäßig nach Süd-Frankreich in den Urlaub, Mal abgesehen von den einstigen Katharern, ist das nicht gerade das Land der Vegetarier.

Es stimmt, Frankreich ist, was die vegetarische Ernährung  angeht, nicht der günstigste Ort. Die klassisch französischen Restaurants machen es einem ausgesprochen schwer, da etwas zu finden. Nun gibt es dort relativ viele italienische Restaurants. Das ist für mich die einfachste Art. Ansonsten kochen wir in unserem Häuschen eben selber.

Ihre drei Hunde sind immer mit dabei?

Ja. Wir haben einen VW-Bus – was ich immer so spießig im Anschauen finde. Aber da kriegen wir die Hunde immer ganz gut rein, plus Gepäck, plus Kind, plus uns. Wir sind schon immer eine richtige Fuhre, die sich dann auf den Weg macht.

Das heißt, Fliegen kommt gar nicht in Frage?

In den Urlaub ganz selten. Beruflich natürlich schon. Meine Mutter hatte uns einmal zu Weihnachten geschenkt, dass sie für eine Woche auf Kind und Tiere aufpasst, so konnten mein Mann und ich nach Jahren einmal zusammen nach England in die Ferien fliegen.

Die vegetarisch lebende Autorin ist of stundenlang mit ihren Hunden unterwegs

Charlotte Link bei einem ausgedehnten Spaziergang

Woher haben Sie die Hunde bekommen?

Natürlich kommen die aus dem Tierheim, alle drei sogar aus einem Auslandstierheim. Ich hatte aber auch schon oft Hunde aus deutschen Tierheimen.

Was heißt Auslandstierheim, wo genau kommen die Tiere her?

Es sind immer ausgesprochene Notfallhunde, die ich bekomme. Ich bin mit zahlreichen Organisationen vernetzt und habe viele Kontakte und werde häufig auf Notfälle angesprochen. Das sind meistens sehr alte Tiere. Notfall heißt ja häufig, nicht vermittelbar. Nicht vermittelbar sind Hunde besonders dann, wenn sie alt sind. Die Leute, die diese Hunde aufnehmen, wissen von vornherein: Wir werden relativ schnell wieder eine Trennung haben.

Das heißt, die Hunde haben, bevor sie sterben, noch eine kurze aber schöne Lebenszeit bei Ihnen?

Manchmal wesentlich länger, als prognostiziert. Ich habe zum Beispiel im Herbst 2007 eine Hündin aus dem Berliner Tierheim übernommen. Die war zwar erst zehn Jahre alt, eine Schäferhündin: blind, schwere Diabetes und Krebs und man hatte gesagt: noch drei Monate. Sie sollte aber einfach nicht im Tierheim sterben. Und sie hat immerhin noch anderthalb Jahre bei uns gelebt. Leider ist sie dann trotz allem, auch für mich viel zu früh, gestorben.

Es bleibt ja nicht aus, dass zur Vermeidung von schwerstem Leid, Tiere auch manchmal eingeschläfert werden müssen. Lassen Sie den Tierarzt dann zu sich nach Hause kommen?

Es ist verschieden. Bei meinem letzten Hund kam der Tierarzt zu mir. Das ist auch das, was ich bevorzuge. In dem Fall der Schäferhündin war es aber so, dass mir die Diagnose nicht ganz klar war und so bin ich mit dem Tier in die Praxis gefahren, weil da die Diagnosemöglichkeiten viel besser sind. In diesem Fall musste ein Röntgenbild gemacht werden, das dann die Sachlage geklärt hat. Die Hündin wurde dann direkt danach, noch in der Praxis, eingeschläfert.

Bleiben Sie in so einem Fall immer bis zum Schluss bei dem Tier?

Ich bleibe immer bis zum letzten, also ganz genau: ich hab das Tier in meinem Arm – egal, ob wir beim Tierarzt sind oder zu Hause. Ich bin also bis zuletzt ganz nah an dem Tier dran. Das ist nachher auch etwas, womit ‚ich’ viel besser umgehen kann. Für mich wäre es der Horror, ich bin nicht da, wenn das Tier stirbt.

Was Sie beschreiben, sind ja immer ganz schwierige Situationen, für das Tier, aber auch für den Menschen.

Das ist der Grund, warum ich so viele alte Hunde habe. Menschen haben oft einen Hund sein ganzes Leben lang gehabt und dann wird das Tier alt und schwierig: bekommt Krankheiten, wird kostenintensiv, wird zickig. Deswegen landen sie ja im Tierheim. Diese Hunde sitzen dann völlig entgeistert da und wissen nicht was passiert ist. Hunde, die von heute auf morgen aus einer durchaus liebevollen Atmosphäre verstoßen wurden, weil sie zu anstrengend geworden waren.

Jura- und Literaturstudien unterfüttern ihre Arbeit als Tierschützerin und Autorin

Immer neugierig. Charlotte Link mit Büchern in ihrem Arbeitszimmer

Die Tierausbeutung zieht sich über Jahrtausende hin. Es gibt von Gandhi das Zitat: Den Wert einer Gesellschaft erkennt man daran, wie sie mit ihren Tieren umgeht. Wie sehen Sie den Zusammenhang in Bezug auf unsere Kultur?

Ich sehe daran, wie diese Dinge ablaufen, dass es, egal wie scheinbar kulturell hochstehend eine Gesellschaft ist, immer schlecht aussieht für die, die keinen wirklichen gesetzlichen Schutz genießen. Das heißt, man ist als Gruppierung Tier, oder Kind, oder was auch immer, auf diese gesetzliche Verankerung der Rechte und des gesetzlichen Schutzes angewiesen. Wenn das fehlt, ist man, nach wie vor, einer unglaublichen Willkür ausgesetzt, was schwer nachvollziehbar ist, denn eigentlich müssten diese Dinge auch schon ohne gesetzliche Vorschriften funktionieren, einfach aus unserem ethischen Verständnis heraus.

Warum funktioniert das aber nicht?

Na ja, weil sich der Mensch nicht wirklich so weiterentwickelt hat, wie man das glaubt, denkt oder hofft.

Tierliebe, Tierschutz und nun Tierrechte. Sie haben aber über dieses ganze Thema noch kein Buch geschrieben, oder gibt es eins in der Schublade?

Nein. Es ist auch ein Thema das sofort gerne wieder weggeblendet wird. Ich hab zum Beispiel in meinem letzten Buch „Das andere Kind“ eine Szene über die Galgohunde in Spanien eingebaut. Diese Windhunde werden sehr viel zur Jagd und zu Rennen eingesetzt. Wenn sie aber nicht mehr das bringen, was sie bringen sollen, entledigt man sich ihrer meistens, indem man sie aufhängt; mit einem Seil um den Hals an den Baum. Wenn der Hund aber seinen Besitzer auch noch richtig blamiert hat, weil er in einem Rennen letzter geworden ist oder so etwas, hängt man ihn so auf, das er mit den Hinterpfoten noch ganz knapp den Boden berührt. Das ist dann ein stundenlanges Strangulieren, weil der Hund immer versucht, den Boden noch zu erreichen. Das habe ich in meinem Buch beschrieben und Leser, aber auch Journalisten haben mich auf dieses Thema angesprochen und sagten, dass sei ja ganz grauenhaft. Das löste immer viel Betroffenheit aus, wurde aber nie wirklich thematisiert. Auch in den Interviews, die danach erschienen, da konnte es sein, dass wir eine halbe Stunde darüber geredet hatten und hinterher stand darüber nichts geschrieben.

À propos Schreiben, schreiben Sie auch im Urlaub?

Ich schreibe jeden Tag und wenn die Termine danach sind, auch im Urlaub. In meinem letzten Urlaub in Südfrankreich habe ich täglich sechs, sieben Stunden am Laptop gesessen und geschrieben. Ich mache das aber nicht so sehr an der Zeit fest, sondern ich schreibe jeden Tag eine bestimmte Anzahl von Seiten. Ich fang immer so um viertel nach Acht, halb Neun an und es kann sein, dass ich um 12 fertig bin und es ist geflutscht – ganz toll. Es kann aber auch sein, dass ich am Spätnachmittag noch dran sitze und kämpfe, und es geht nicht.

Wie sieht für Sie dagegen ein echter Urlaubstag aus?

Das Schönste für mich ist, mit einem Buch unter einem Olivenbaum in Südfrankreich zu sitzen, den ganzen Tag zu lesen und abends irgendwann aufzustehen, die steifen Knochen zu schütteln und so den ganzen Tag mit diesem Buch verbracht zu haben.

Frau Link, herzlichen Dank für das Gespräch.

Ich danke Ihnen.

©Guido Barth
Fotocredit: alle Fotos von Derek Henthorn, München

 

Charlotte Link: vegetarisch und erfolgreich

Inzwischen ist der Roman der vegetarisch lebenden Autorin auch erfolgreich verfilmt worden

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.