vegetarisch: „Wasser ist mir immer am liebsten“

 

Guido Barth trifft: Tilmann Waldthaler (2007)

Tilmann Waldthaler lebt vegetarisch

Glück gehabt. Tilmann ist Mal wieder in Deutschland auf einer Fahrradmesse.

Tilmann Waldthaler ist seit 30 Jahren mit dem Fahrrad un-terwegs. Dabei hat er mehr als 430.000 Kilometer zurück-gelegt und mehrfach die Er-de umrundet. Er arbeitet als Fotograf, Journalist, Buchau-tor, Vortragreisender und Produkttester. Seine Reisen führten über die Jahre z.B. von Alaska nach Patagonien (35.000 km), oder kreuz und quer durch Afrika – wo er auch 14 Monate in einem Voodoo Dorf gelebt hat.

Er war extensiv in Asien und Australien unterwegs. Tilmann Waldthaler sagt von sich, „ich mag es lieber warm und entsprechend plane ich auch meine Reisen. In Alaska starte ich im Sommer und in Patagonien komme ich, wenn auch ein paar Jahre später, im Sommer an“. Er lebt seit 2005 mit seiner Frau Renate, die als Krankenschwester in einem Hospital der Indigenous People arbeitet, in Cairns/Australien.

Tilmann, bist Du glücklich?
Nein, ich bin 66 Jahre alt und nicht glücklich, aber zufrieden.

Warum nicht glücklich?
Glück ist ein schönes Hochgefühl. Ist es vorbei, dann bist du traurig. Zufriedenheit ist dauerhafter, das ist für mich sozusagen der Mittelweg. Ich mag diesen Mittelweg, das ist buddhistisch, aber ich bin ja auch mehr Buddhist als Katholik.

Du warst Mal im Kloster, wie war das?
Das war erst mal nur ein Kurs über zehn Tage. Wir mussten alles abgeben, was wir
nicht brauchten. Die Mönche haben uns auch gesagt, dass wir ihren Frieden nicht
stören sollten und wer das nicht könne, der möge bitte gehen. Er brauche nichts zu
sagen, sondern er möge einfach nur gehen. Nach zehn Tagen war ich alleine und ein Mönch fragte mich, ob ich nicht bleiben wolle – und ich blieb, insgesamt vier Monate, lernte meditieren und bewusstes Gehen; Gehen ist etwas sehr Schönes. Abends saßen wir immer zusammen und haben uns Geschichten erzählt.

Du bist gelernter Konditor und Koch und Du bist Vegetarier. Wie ist das
zusammengekommen?
Zuerst habe ich Konditor gelernt und danach Koch. Damals war das noch ohne
Universitätsabschluss möglich (lacht). Wenn du so an der Quelle sitzt, nimmst du
nicht unbedingt das, was gut für dich ist, sondern das, was dir am besten schmeckt.
Ich hatte ständig Kopfweh, war oft erkältet und fühlte mich immer müde und
unzufrieden – auch weil ich ziemlich in die Breite gegangen war.

Und?
Ich habe es dann mit dem Vegetarischen probiert. Es hat nicht lange gedauert und
ich habe gemerkt, hey, es geht dir ja richtig gut. Also habe ich so weitergemacht.
Seitdem bin ich überhaupt nicht mehr krank geworden außer natürlich so Sachen,
wie z.B. Malaria.

Der Globetreter ist ein gefragter Mann

Sponsoren lässt auch Tilmann nicht warten

Wie finanzierst Du Deine Reisen?
In den ersten Jahren habe ich unterwegs als Konditor gearbeitet. Was meinst Du, wie
gerne die Leute in Togo „Torte“ essen. Die Sponsoren, die Bücher, das Fotografieren
und das alles, ist ja erst viel später gekommen.

Was macht Reisen für Dich aus?
Ich bin ein Nomade, aber ich reise nicht, um irgendwelche Gebäude zu sehen, oder um die Natur zu entdecken – klar, das gehört schon dazu, aber das ist nicht das Wesentliche. Wichtig für mich ist, dass ich mich selbst erlebe und das kann ich, wenn ich unterwegs bin auf eine Art, wie es zu Hause nicht möglich ist.

Wie kann ich mir so einen „normalen“ Reisetag von Dir vorstellen?
Ich bin Frühaufsteher, auch zu Hause; um fünf Uhr bin ich auf. Gerade wenn die
Sonne kommt, dann fangen auch die Vögel an zu zwitschern. Ich packe sofort meine Sachen zusammen und radele los – ohne Frühstück, höchstens Tee oder Kaffee.
Das ist die beste Zeit, es ist ruhig und kühl, kaum Wind und wenig Verkehr. Bis 10
Uhr, wenn es so richtig warm wird, fahre ich gemütlich und habe dann mein
Tagespensum von 60 bis 70 Kilometer schon hinter mir.

Wie handhabst Du das mit dem Einkaufen?
Was ich brauche, kaufe ich nach Möglichkeit frisch auf dem Markt; ansonsten gehe
ich auch schon Mal in einen Supermarkt. Wie auch immer, ich koche dann etwas,
meistens auch gleich für den Abend, wenn ich nicht gerade in ein Restaurant gehen will.

Wie transportierst Du das Wasser?
In Flaschen, das kann schon Mal schwierig werden. Nicht überall gibt es eine Quelle oder einen Brunnen. Gerade in heißen Ländern, da brauchst du schon alleine sieben bis zehn Liter zum Trinken. Das musst du natürlich irgendwie auf dem Fahrrad verteilen. Wenn es ganz hart kommt und du nichts mehr hast, stellst du deine leere Wasserflasche auf die Straße. Dann hält immer jemand an und gibt dir etwas.

Machst Du auch Mal Pausen?
Handy, Computer, Auto – immer: mach, mach, mach – Fernsehen, ein bisschen
Fußball und dann noch eine Serie, so geht das bei den meisten Menschen. Ich
nehme mir unterwegs jeden Tag mindestens zwei Stunden Zeit und rede mit
Menschen. Irgendwo sitzen immer irgendwelche Leute. Die lachen mich an und sind
fasziniert, wenn ich Ihnen von meinen Reisen erzähle. Und ihre Geschichten sind für mich spannend.

Interessant, pausierst Du auch Mal einen ganzen Tag oder ein paar Tage?
Ja, sicher. Solche Pausen erradele ich mir. Wenn ich für meine Reise einen
Tagesschnitt von 50 Kilometer geplant habe und an einem Tag 70 und an einem
anderen Tag 80 km gefahren bin, dann kann ich mir einen Tag frei nehmen; wenn ich mir Mal etwas anschauen möchte, Museen oder so oder wenn ich Freunde besuchen möchte, manchmal habe ich auch einfach keine Lust auf Radfahren.

Heikle Situationen…
…Krisenherde sind schon ein spezielles Thema, aber mit meiner Erfahrung kann ich schon ganz gut einschätzen, wie weit ich mich vorwagen darf. Ich war ja fast schon überall. Klar, manche Erlebnisse waren schon abenteuerlich.

vegetarisch geht überall

Zufall: Tilmann mit „natürlich vegetarisch“ und meinem Ziggy Marley Interview

Du hast sogar Mal Bob Marley getroffen.
Ja, in einem Flugzeug von Neuseeland nach Australien, der Platz neben ihm war frei und ich habe ihn gefragt, ob ich mich zu ihm setzen darf. Wir haben uns wunderbar unterhalten. Er hat mir erzählt, dass er als Rastafari vegetarisch lebt und zum
Schluss hat er mir ein T-Shirt geschenkt und gesagt, bringe das T-Shirt der Welt da
draußen. Ich habe es jahrelang nicht angezogen und schließlich einem afrikanischen Freund geschenkt, einem großen Bob Marley Fan. Mission erfüllt.

Wie war das eigentlich damals mit dem Vegetarischen?
Vor 25 Jahren, wenn ich da aus Asien – wo vegetarisch Leben ja ganz normal war – zurückgekommen bin und ich meinen Verwandten erzählt habe, dass ich Vegetarier bin, da haben die erst mal die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen. Heute ist das ja alles ganz anders. Es hat sich da wirklich etwas geändert.

Meditierst du noch?
Du setzt dich ja hin und meditierst für ein besseres Leben und für bessere
Gedanken, das brauche ich nicht mehr. Meine Reisen sind Reisen nach innen
gewesen und das ist meine Meditation.

zwei die vegetarisch leben

Tilmanns Daumen zeigt nach oben, auch ich bin froh. Alles gut.

Tilmann Waldthaler, der Pensionär?
Bis 20 Kind, bis 50 arbeiten, bis 70 Pension, so sagt man doch, und dann schnell in den Sarg, das gibt es nicht für mich. Ich mache, was ich will und wozu ich Lust habe.
Der australische Staat hat mir sogar Mal eine „Pension“ angeboten. Die habe ich
abgelehnt, ich pfeif darauf.

Tilmann, lieben Dank für das Gespräch.

 

Webseite: www.tilmann.com (Termine, Bücher, Reisen)

Buchtipp: Im März 2008 erschienen:
Tilmann Waldthaler: „Sieh diese Erde leuchten“
ISBN-13: 9783870734329

 

 

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©Guido Barth
Fotocredit: alle Fotos von Guido Barth