Das waren noch Zeiten (2004): „Ach, nu’ bin ich 70“

(Archiv Guido Barth, 2004) (Der Künstler tourt wieder 2014, im April wird er 80)

Ein Abend mit Ingo Insterburg: „Ach, nu’ bin ich 70“

Der Künstler lebt vegetarisch

Ingo Insterburg mit selbstgebautem Instrument

Siebzig und lustig. Natürlich nahmen am vergangenen Sonntag ziemlich viele ältere Semester auf den plüschigen Sesseln im Theater am Küchengarten (TAK) Platz. All die treuen Fans. Aber es sind auch junge Leute gekommen. Die Vorstellung ist ausverkauft.

Gemeinsam wollen sie mit dem Musik-Kabarettisten Ingo Insterburg die Abgründe deutscher Lachkultur entdecken. Sein neues Programm heißt: Ach nu’ bin ich 70. Und tatsächlich, der Künstler ist am 06.April siebzig Jahre alt geworden. Ingo Insterburg ist nach den großen Erfolgen mit Insterburg&Co in den 70er Jahren und nach einer Auszeit seit 1994 solo unterwegs. „Ich bin jetzt alt genug“, betont er immer wieder.

Souverän zu den ersten Lachern

Mit zerzausten Haaren, zahllosen Ketten um den Hals und in roten Socken tippelt er auf der Bühne herum. Mit leisen Worten begrüßt er sein Publikum und stellt sich vor, um sich einige Augenblicke später wieder zu verabschieden. Er verschwindet aber nicht wirklich. Er dreht schlicht und einfach den Gästen seinen Rücken zu und kämmt sich die Haare, steckt die vielen Ketten unter das T-Shirt und zupft alles zurecht. „Die klappern sonst gegen die Gitarre“, kommentiert er. Schnell schlüpft er in ein buntes Gewand und nimmt seine Gitarre. Er sieht aus wie „Aladin“ aus dem Märchen. Die ersten Lacher schallen zur Bühne. Mit trockenem, manchmal etwas altbacken wirkenden aber stets anmutendem Humor hat er schnell die volle Aufmerksamkeit der Gäste. Schon bei den ersten Liedern wird viel gelacht. Vor der Pause dürfe niemand gehen, verlangte er Musiker. „Das ist unhöflich“. Allein die Neugier auf die mindestens 20 Instrumente, die auf der Bühne verteilt herumstehen, lässt die Zuschauer still und entspannt zurückgelehnt in ihren Sesseln verharren – immer wieder unterbrochen vom sanften zucken des Unterbauches.

Klingende Kuriositäten in Selbstbauweise

die Show funktioniert, das Publikum ist begeistert

Besenstil-Bläser?

Die einzelnen Instrumente sind wahrlich kurios. Mit jedem Lied wird ein neues Instrument vorgestellt und gespielt. Da ist eine Okarina aus einer Kokosnuss, oder eine Hand- bzw. Herzgeige. Das ist eine handgroße rote Bonbondose in Herzform mit einem Steg und Saiten dran. Wer glaubt, darauf ließen sich nicht Stücke von „Klassikern“, wie Brahms, Beethoven oder Bach spielen. Oh doch, dass funktioniert. Dazu kommt der Spaßfaktor und die Komik von Ingo Insterburg. Er ist ein Virtuose der Vielseitigkeit. Sicher, hier und da gibt es schräge Töne. Aber weiß schon, ob die gewollt oder ungewollt sind. Lustig ist auch die Bierflöte. Das ist eine mit Wasser gefüllte Bierflasche. In die Flasche ist ein Metallrohr gesteckt. Bläst der Künstler in das Mundstück des Metallrohres entsteht genau ein heller Pfeifton. Wird das Rohr beim Blasen im Flaschenhals hin- und herbewegt entsteht eine Vielzahl verschiedener Töne. „Die Voraussetzung von Musik“, wie Ingo Insterburg doziert.

In der Pause gibt der Künstler Autogramme und unterhält sich mit Gästen. Viele Gäste gehen vor die Tür. Im Theater selbst ist Rauchverbot.

Der Vegetarier hat bissige Pointen im Griff

Ingo Insterburg: nach dem Kunststudium kam das Kabarret

Ingo liest aus seinem Buch über sein Leben

Nach 15 Minuten geht es weiter. Künstler und Publikum haben eine wohltuende Nähe gefunden. Mit immer skurileren Instrumenten wird die Stimmung zusehends ausgelassener. Obwohl – oder gerade weil – inhaltlich von nun an Raucher, Trinker und Fleischesser attackiert werden. Ingo Insterburg, das muss man wissen, ist: Vegetarier, Anti-Alkoholiker und Nichtraucher. Dass er nichts von Drogen hält, bemerkt er immer wieder zynisch. Seine sogenannte Raucher- und Trinkerlyrik kommt sehr gut beim Publikum an. Die meisten von ihnen sind Raucher und trinken. Noch besser aber reagiert das Publikum auf die Liebesgeschichten. Die sind kurz und banal, aber „alles wahr“, wie Insterburg beteuert. Das Programm ist kurzweilig. Zum Ende gibt es dann noch „Ich liebte ein Mädchen in …“, den Gassenhauer aus der Zeit mit Insterburg&Co und die Gäste lehnen sich noch mal entspannt zurück. Manche mögen sich an längst vergangene romatische Stunden erinnern, andere finden es einfach lustig. Nach zwei Stunden ist Schluss. Ingo Insterburg ist immer noch fit für die Bühne – auch mit 70.

Informationen und Termine 2014: http://www.ingo-insterburg.com

©Guido Barth
Fotos: Guido Barth

 


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