Interview (2010) mit Eva Briegel: „You broke my heart when you went electric“

Go vegan!

Eva Briegel von der Band „Juli“.                                          Fotocredit: (c) Fabian Pothe

Dies ist ein Spruch den die Mitglieder der Band Juli auf einer gemeinsamen Reise nach Dänemark an einer Hauswand entdeckten, gerade, als ihr neues Album „In Love“ fertig war. Die Musik auf dem neuen Album ist elektronischer geworden und niemand wusste, ob die Hörer und Fans da mitgehen würden. Das ist neu und neu ist auch, dass Eva Briegel Mutter geworden ist, womit sich für sie doch einiges ändert. Passend zum neuen Stil heißt die erste Singleauskopplung „Elektrisches Gefühl“. „Manchmal benutzen wir schlicht gar keine Gitarren mehr, sind wir dann überhaupt noch eine Gitarrenband?“, fragt sich die Sängerin der Band: Eva Briegel. 

Sie spricht im Interview (2010) über ihr neues Album, über vegetarische Ernährung und vor allem auch über ihre neue Rolle: als Mutter.

Du bist ein Star und hast als solcher viele Verpflichtungen. Das gleiche gilt für Dich als junge Mutter. Jetzt halt Juli mit „In Love“ auch noch ein neues Album herausgebracht. Da kam vieles zusammen, was lief daraufhin bei der Veröffentlichung des Albums anders, als bis dato?

Das war das erste Mal, dass ich nicht komplett alle Radiosender-Termine mitmachen konnte. Die vielen Interviewanfragen habe ich, so es irgend möglich war, übers Telefon erledigt. Wenn die Jungs für Interviews unterwegs waren, haben sie mir von überall Fotos geschickt. Fotos, auf denen sie vor Bauzäunen posierten, auf denen unser neues Album plakatiert war. Wir hatten dennoch ein gutes Gemeinschaftsgefühl, dieses Gefühl, dass es wieder losgeht – das verbindet schon sehr, auch über die Distanz.

Deine kleine Tochter heißt Yoko. Andy Penn, der Vater, der ja auch Musiker ist und Du, ihr seid beide Beatles Fans, von daher erübrigt sich eine Frage nach der Herkunft des Namens. Hast Du eine Ahnung, was Deine Tochter gerade macht?
Nein, (sie schmunzelt), wahrscheinlich krabbelt sie auf dem Fußboden und der Papa passt auf.

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Eva vor der Show im Interview.                                 Fotocredit: (c) Fabian Pothe

Bist Du bei dem Gedanken daran ganz entspannt?
Ja, klar. Wenn ich Glastüren hätte, wäre das bestimmt schwierig. So ist aber jetzt Arbeitszeit, die Türen sind zu: Business.

Das heißt dann auch, als Mutter Mal ein bisschen Ruhe?
Ja. Das ist toll. Ich kann es jedem nur empfehlen. Leider machen das viele Arbeitgeber nicht mit. Ich finde es ein ideales Modell, wenn beide Erziehungsberechtigten Teilzeit arbeiten. Wenn jeder halb Beruf machen kann und halb Kind. Weil, mir würde beides sehr fehlen.

Vollzeitkünstler teilzeitbeschäftigt?
Genau.

Du lebst seit vielen Jahren vegetarisch, wie streng bist Du dabei?
Naja, ich trinke Milch und esse Eier, und ich trage Leder. Das muss man ja immer dazu sagen. Vielen Leuten ist das ganz wichtig, jemanden einzuteilen: in Hardliner und Nicht-Hardliner.

Ich hatte Dich vor ein paar Jahren Mal gefragt, ob Du für den vegetarischen Lifestyle missionieren würdest. Damals sagtest Du nein. Hat sich das inzwischen geändert?
Ja, tatsächlich. Ich bin lange den Film gefahren, ich will das niemandem aufdrängen und will auch bei niemandem Missionieren. Ich bin aber mittlerweile zu dem Schluss gekommen, dass es eine Lebenslüge ist, die man lebt, wenn man Fleisch ist und wenn man sagt: ja ich weiß, dass es irgendwie doof ist, aber mmh… ich bin eben so schwach. Dann ist das definitiv etwas, wo man sich belügt.

Dein Freund lebt nicht vegetarisch. Missionierst Du bei ihm auch? Ja, ich liege ihm damit schon in den Ohren und zum Glück entwickeln wir immer ganz gute Kompromisse. Es gibt ja auch ein neues Buch von Jonathan Safran Foer, „Tiere essen“, das auch mit einem super Artikel in der Zeit vorgestellt wurde. Und es gab zur Buchveröffentlichung sogar einen Artikel in der „Brigitte“. Dort wird berichtet, wie jemand versucht ein Huhn zu schlachten und ich habe immer wieder zu ihm gesagt, das musst du lesen, du kannst das nicht verdrängen.

Und, hat er das gelesen?
Bisher leider noch nicht.

Wenn die Veröffentlichung eines neuen Albums kurz bevor steht, wie ist dann die Stimmung bei Juli?
Wir sind immer sehr aufgeregt – tatsächlich. Es fühlte sich diesmal ein bisschen unwirklich an, weil wir nicht zusammen waren. Ich war hier zu Hause und habe auf meine Kleine aufgepasst und die Jungs waren im Probenraum und auf Radiosenderreise.

Go vegan!

You see and feel it, too?           Fotocredit: (c) Fabian Pothe

Am Tag der Veröffentlichung, gab es da etwas Besonderes?
Ne, das hätten wir zeitlich gar nicht unterbringen können und das ist auch überhaupt nicht Tradition bei uns. Wir stolpern da meistens eher rein. Wir feiern das auch gar nicht groß. Wir feiern eher so Sachen, wie einen Chart-Einstieg.

Wie, die Managerin ruft nicht gleich am ersten Tag an und gibt die aktuellen Zahlen durch und freut sich: Mensch, toll, es läuft klasse?
(Lacht) Einmal die Woche kommen die Verkaufstrends, eine Woche später bekommt man die Zahlen auf den Tisch geknallt. Mit denen muss man dann klarkommen.

Gibt es da auch schon Mal weniger ermutigende Kommentare?
Was auch kommt, wir sind sehr zufrieden mit dem, was wir da gemacht haben. Außerdem haben wir beim Proben gemerkt, das wir uns schon sehr auf die Tour freuen. Das Spielen macht uns wieder unheimlichen Spaß und wir wissen, dass es ganz toll wird, wenn wir endlich wieder live spielen werden. Das ist uns im Augenblick das Wichtigste. So eine Zahl ist meiner Meinung nach eher etwas für den persönlichen Ehrgeiz und der steht bei dieser Platte sowieso wieder hinten an.

Warum?
Warum?

Ja, warum. Ich wollte sowieso nach Deinem Ehrgeiz fragen, ganz generell, und dann sagtest du, der Ehrgeiz stünde sowieso hinten an. Da frag ich mich und dich, warum?
Ehrgeiz hängt immer davon ab, wie man Erfolg definiert. Ich finde, wir sind bei dieser Platte sehr erfolgreich gewesen, weil wir uns vorgenommen hatten, eine sehr kompromisslose Platte zu machen und das ist uns gelungen. Dass wir sie überhaupt gemacht haben, betrachte ich schon als Erfolg. Es hat immerhin auch drei Jahre gedauert. Jetzt ist das Album fertig, es ist sehr gut geworden.

„Dass wir sie überhaupt gemacht haben…“, war das das letzte Juli Album, das entstanden ist?
Ich finde, Bands sollten sich ständig hinterfragen, ob sie weiter machen wollen, oder nicht. Wenn man sich als Band immer wiederholen muss, wird es schnell öde, sowohl für die Band selber, als natürlich auch für die Zuhörer. Und wenn eine Band nicht im Stande ist, sich weiterzuentwickeln, dann sollte sie sich auflösen. Das ist auch genau die Frage, die wir uns vor der Produktion dieses Albums gestellt haben. Nämlich, ob da genug Potential vorhanden ist, eine interessante Platte zu machen. Das Potential haben wir gesehen und ich finde, dass haben wir auf dem Album auch gut umgesetzt.

Du hast das Buch „Tiere essen“ von Jonathan Safran Foer erwähnt. Er schreibt in seinem Buch auch, dass er nach zahlreichen Versuchen definitiv zum Vegetarier wurde, nachdem er Vater geworden war. Er begründet das damit, dass er sich vorgestellt habe, was er seinem Kind erzählen würde, wenn es größer ist, was er, bzw. auch wir anderen hier auf der Welt gemacht haben. Du bist jetzt gerade selber Mutter geworden, wie wirkt sich das auf Dich aus, wie verändert sich Dein Blick auf Deine Umwelt?
Also: Ich muss ganz ehrlich sagen, dass das sehr klischeehaft ist, aber ich habe tatsächlich Angst um die Welt, die ich meinem Kind hinterlasse. Ich möchte, dass mein Kind über 80 Jahre oder dann vielleicht auch schon hundert Jahre, die es leben wird, in einer lebenswerten Umgebung leben darf. Natürlich versuche ich alles Schädliche abzuwehren. Ich bin ganz empfindsam, was Schadstoffe angeht, was Zusatzstoffe in Lebensmitteln betrifft, Plastik, Waschmittel und alles das. Ich bin da viel vorsichtiger, als bei mir selber.

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Eva Briegel, Jonas Pfetzing (re., spielt die Gitarre bei Juli) und Guido Barth                                                  Fotocredit: (c) Fabian Pothe

Andy, Yokos Vater, empfindet der das auch so, oder sagt der hin und wieder eher: Mensch, Eva, jetzt hör aber auf, weswegen Du manchmal doch unruhig wirst, wenn Du nicht selbst bei Deiner Tochter sein kannst?
Nein, das ist bei ihm ähnlich – tatsächlich. Er ist, und ich bin es eigentlich auch, wir sind beide Rock `n Roller und als solche geht man gemeinhin ja schon ein bisschen bedenkenloser mit seinem Körper um. Du bist da schlicht nicht so zimperlich. Mit dem Kind ist es aber nun so, das man sofort das Gefühl hat, dass man da etwas Reines bekommen hat. Und man möchte das schützen und es möglichst so lange wie möglich so sauber und unbefleckt bewahren, wie möglich.

Bist Du eine strenge Mutter?
Gar nicht, ich bin viel zu lasch, trotz allem.

Eva, vielen Dank für das Gespräch.
Fotocredits: (c) Fabian Pothe

 


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